Jetzt wird es ernst: Die "Öffnung der Archive des Heiligen Römischen Offiziums", also der seit fünf Jahrhunderten berüchtigten Inquisitions-Behörde, steht auf dem Programm eines am 22. Januar beginnenden internationalen Historiker-Kongresses im Vatikan. Der Entschluß soll, nach dem Symposium im Oktober 1997 über die Wurzeln des christlichen Antisemitismus, der zweite Schritt zu jener "Reinigung des Gedächtnisses" sein, die Johannes Paul II. seiner Kirche verordnet hat.

Beginnt eine Zeit der Einsicht? Jedenfalls in jene 4500 Bände mit Ketzer-Gerichtsakten, die sich am Amtssitz der Hüter der Rechtgläubigkeit stapeln und bis heute sogar dem zentralen Geheimarchiv des Vatikans vorenthalten wurden. Die Sammlung der "Heiligen Kongregation der Universalen Inquisition" wird allerdings nur bis zum Jahreseintrag 1903 geöffnet, also nicht einmal bis 1908, als diese Behörde den milderen Namen "Heiliges Offizium" erhielt, und schon gar nicht bis zum Jahr 1965, seit dem sie sich "Kongregation für die Glaubensdoktrin" nennt.

Freilich, die Zeit der fromm entzündeten Scheiterhaufen liegt ja auch weit zurück. So ruchlos der heutige Umgang der Papstkirche mit ihren Kritikern erscheinen mag, so harmlos wirkt er doch im Vergleich zu den Grausamkeiten der von allen guten Geistern christlicher Liebe verlassenen mittelalterlichen Inquisition. Schon lange bevor sie von Papst Paul III. im Januar 1542 als römische Zentralbehörde gegründet wurde (nur vier Monate vor dem Entschluß, ein Reformkonzil nach Trient zu rufen!), tobte die inquisitorische Ketzerjagd im ganzen christlichen Abendland.

Ihre Anfänge reichen in die Epoche jener Kreuzzüge zurück, die Päpste und römisch-deutsche Kaiser, vereint unter der drückenden Last ihrer Machtkonflikte, nicht nur gegen islamische Heiden im fernen Heiligen Land führten, sondern auch gegen christliche Häretiker, also Abweichler von dogmatischer Rechtgläubigkeit im eigenen Reich. So gegen die Katharer (die Reinen), eine von Massenarmut angetriebene, von asketischen Wanderpredigern geführte religiöse Bewegung sie betrachtete die bestehende Weltordnung als Kampf zwischen dem lieben und dem gleichrangigen "bösen Gott", dem Teufel.

Ebendiese Überzeugung trieb auch die in der südfranzösischen Stadt Albi entstandene Albigenser-Bewegung, die Anfang des 13. Jahrhunderts in einem fast zwanzigjährigen Vernichtungskrieg, abgesegnet von Papst Innozenz III., zerschlagen wurde. Einer seiner Sondergesandten (Legaten), durch die er - auch über die Köpfe örtlicher Bischöfe hinweg - die weltliche Obrigkeit zu radikalem Vorgehen ermuntern ließ, berichtete 1209 aus einer zerstörten Ketzer-Hochburg, der Stadt Beziers, es seien 20 000 Menschen "jeden Alters und Geschlechts" getötet: "Gottes Strafgericht hat wunderbar gewütet."

Ein Jahrzehnt zuvor hatte sich Innozenz III., dieser 37jährige Papst, über dessen jugendliches Alter Walter von der Vogelweide lyrisch klagte, zum Vormund des vierjährigen Kaisers Friedrich II. ernennen lassen und zugleich durch ein Dekret seine geistliche in weltlicher Macht verankert: Die Sünde der Häresie sei im rechtlichen Sinne ein Delikt der Majestätsbeleidigung (crimen laessae majestatis) und als solche zu bestrafen, wenn auch unter Beachtung der "Pflicht zur Barmherzigkeit" - ein e Beschwichtigung, die angesichts dessen, was geschah, heuchlerisch klang, jedoch allerlei Schlupflöcher für Nothelfer und Erpresser offenließ. Dieses Dekret wurde vom 4. Laterankonzil 1215 zum allgemeinen Gesetz und damit zur ersten Prozeßordnung der Inquisition erhoben.

Mit bischöflichem Auftrag, vor allem aber ermächtigt von überall auftauchenden päpstlichen Legaten, sollten vertrauenswürdige Schnüffler, unterstützt von Denunzianten, gründlich Pfarrei nach Pfarrei untersuchen und die Ketzer aufspüren. Diese sollten dann vom Bischof, der Ankläger und Richter in einer Person war, verurteilt werden, ohne daß ein Verteidiger für sie sprechen durfte. Folterungen, um Aussagen zu erzwingen, galten zwar als unchristliche Methode und waren daher nicht erlaubt - aber das konnten Verdächtige aus dem unwissenden Pöbel ja nicht wissen, sich folglich auch nicht darauf berufen.