Meine erste, gedreht in einer volkseigenen Tabakfabrik in Leipzig, hieß Turf. Ein proletarischer Namenszug. Der Volksmund übersetzte das mit "Tausend Unterdrückte rufen Freiheit" - damals, in der humorlosen DDR, als auf derlei Witze fünf Jahre Entzug standen. Später folgte Schmuggelware, Chesterfields aus dem Westen, die gelegentliche Pall Mall und hin und wieder, im Zeichen der deutsch-sowjetischen Freundschaft, eine Machorka. Als achtjähriger Junger Pionier hatte ich meine Raucherausbildung abgeschlossen. Bis zu meinem 33.

Lebensjahr habe ich schätzungsweise 3000 Kubikmeter Tabakrauch inhaliert.

Dann hörte ich auf. Meine leichtathletischen Fähigkeiten verfielen auf der Stelle. Neue Gedanken hatte ich keine mehr. Kritische Geister rauchten Rothhändle, ich aber verdummte mit gesunden Bronchien. Später wanderte ich vorübergehend nach Amerika aus. In das Land der hemmungslosen Raucherverfolgung.

Nun droht den eingefleischten Nichtrauchern auch in Deutschland die aufgezwungene Genossenschaft ehemaliger Raucher: Setzen sich die Manichäer der Krankenkassen und die grünen Nichtraucher durch, wird man demnächst in öffentlichen Räumen nicht mehr rauchen dürfen. Daß gleichwohl die Zahl der Raucher nicht abnimmt, ist der bekannten Dialektik des gesellschaftlichen Verbots gedankt: So, wie nach der Wende angesichts des plötzlich massiv werdenden Antikommunismus eher konservativ gestimmte Menschen, wie zum Beispiel dieser ehemalige Raucher, plötzlich (beinah) PDS gewählt haben, nur weil ihnen die verspätete Rechtschaffenheit der bundesrepublikanischen Altlinken gegen den Strich ging (folgen Sie mir?), so greifen in Amerika immer mehr Nichtraucher aus schierem Trotz zur Zigarette. "Was verboten ist, das macht uns erst richtig scharf", sang einst Wolf Biermann (raucht der eigentlich noch ohne Filter?). Nichts schmeckt besser als die erste Rückfallzigarette im New Yorker Büro, bei Strafe von 10 000 Dollar, sofern man sich erwischen läßt.

Wo jeder Raucher rücksichtslos, als verbreite er das Ebola-Virus, aus einem geselligen Abendessen auf den Balkon geschickt wird, da gilt es, Solidarität zu zeigen. Nur so ist die Rückkehr der kubanischen Zigarre ins New Yorker Gesellschaftsleben zu erklären: Erstens ist ihr Besitz verboten, zweitens ist sie ungesund, drittens darf sie nicht geraucht werden. Also ist sie, viertens, über Nacht zum Symbol freier amerikanischer Männlichkeit geworden, heimlich im Sakko zu tragen.

Vor einem Monat wurde einem Delinquenten in einem texanischen Zuchthaus die letzte Zigarette vor seiner Hinrichtung vorenthalten, aus gesundheitspolitischen Gründen. Und in der Tat sterben Raucher eher als Nichtraucher, daran zweifelt nicht einmal die amerikanische Zigarettenindustrie. Allerdings weist sie darauf hin, daß die frühzeitige Reduzierung der älteren rauchenden Population zu einer spürbaren Entlastung der Renten- und Sozialkassen geführt habe. Dagegen wäre wenig einzuwenden, ließe sich nicht gleichzeitig nachweisen (was derzeit vor amerikanischen Gerichten geschieht), daß die Raucher sich diesem daseinsvorsorglichen Euthanasieprogramm nicht ganz freiwillig zuzuwenden pflegen: Rauchen, so weiß man inzwischen, macht süchtig - Nikotin heißt die Droge.

Drogensucht ist Sünde. Weil das so ist, steht in Amerika, einem urchristlichen Land, der Raucher als Häretiker in schlechtem Ruf. "Häresie" heißt "Auswahl": Mit Filter, ohne Filter, mit Genehmigung oder ohne, mit gutem oder schlechtem Gewissen - der häretische Raucher ist freier Außenseiter, stolz stirbt er ein wenig eher als seine intoleranten Altersgenossen.