Am Ende erweist Dieter Wedels Serie über den "König von St. Pauli" der grauen Wirklichkeit, die wir aus den bunten Magazinen kennen, dann doch noch Reverenz: Die Traumwelt, in der wir zwei Wochen und sechs Folgen lang zu Gast waren - so erfahren wir aus dem Off -, ist endgültig untergegangen.

Der König ist tot, und an die Stelle seiner angestammten charismatischen Herrschaft ist der gesellschaftliche Naturzustand getreten, ein Bürgerkrieg zwischen auswärtigen Clans. Das anheimelnde Kiez-Milieu mit seinen familienhaften Strukturen hat sich gegen die Brutalität der "ausländischen Banden" nicht behaupten können. Ein ominöser "Albaner", hören wir, ziehe jetzt die Strippen auf dem Kiez. Und dann dieser Satz über die Angst der Anwohner, es könne "wie beim Domino der erste Stein die ganze Reihe" zu Fall bringen, und "der Albaner" werde "künftig die Helenenstraße beherrschen".

Nein, dieser Satz ist in der Endfassung nicht zu hören gewesen. Man hat ihn gestrichen, wohl aus der löblichen Absicht, Beifall von der falschen Seite zu vermeiden. Er ist im Manuskript mit vielen kleinen Kringeln übermalt. Der beinahe unleserliche Satz ist jedoch symptomatisch für Wedels Projekt, das zugleich von ökonomischer Waghalsigkeit und ästhetischer Verzagtheit gezeichnet ist, ein unglückliches Produkt von Gigantomanie und Kleinlichkeit.

Hier werden zwar alle bedient. Aber weil dabei nicht Großzügigkeit waltet, sondern Unentschlossenheit und Quotendenken, kommen alle auch ein bißchen zu kurz.

Die Voyeure bezahlen ihre Augenlust mit länglich ausgewalzten Identitätsproblemen - Julia (Julia Stemberger) betreibt den Strip nämlich als Selbsterfahrungstrip. Wer auf Spannung und Intrige aus ist, muß zusehen, wie der Politthriller um Immobilienspekulationen in Kiez-Kitsch und Ressentiment gegen "die da oben" (Anwälte, Politiker, Banker) versandet. Die romantische Verwirrung der Heldin, die sich zwischen dem König (Hilmar Thate), seinem Sohn Robert (Oliver Hasenfratz) und ihrem abgelegten Liebhaber entscheiden muß, endet im Beziehungsgequatsche: "Das, was zwischen uns entstanden ist, ist eine große, einzigartige Möglichkeit" - solche laubgesägten Sätze werden hier mit großer Andacht aufgesagt.

Überhaupt verdienen die Liebesangelegenheiten in Wedels Film einen zweiten Blick. Zwischen den Geschlechtern geht es ruppig und zickig zu, und wenn es doch einmal zum Äußersten kommt, hat man so häufig und bedeutungsvoll mit Impotenz zu ringen, daß es sich wohl um eine Metapher handeln muß. Schon die erste Striptease-Szene scheitert an der Schlaffheit von Lajanas (Sonja Kirchberger) Tanzpartner. Auch Homosexualität ist in Wedels Welt eine einzige Plackerei. Karin (Florian Martens), die früher Karl-Heinz hieß, kämpft mit ihren billigen Brustimplantaten und unbequemen Stöckelschuhen - die Transe als ewige Ulknudel im muffigen Stil von Charlys Tante. Wer nach den ersten Teilen ein Epos aus der Welt der Verruchten und Verwegenen erwartet hatte, sah sich um seine schönsten Hoffnungen betrogen. Gegeben werden statt Glanz und Elend der Kurtisanen nur Stille Tage im Klischee.

Das mag auch daran liegen, daß Wedel, um es höflich zu sagen, mit viel geliehenem Material arbeitet. Diesmal hat er bei den "Fabelhaften Baker Boys" ganze Dialogpassagen geborgt, und auch eine Pointe aus Woody Allens "Bullets over Broadway" wurde einer Zweitverwertung zugeführt: Der sanfte Schlägertyp (Heinz Hoenig) mag nicht gutbürgerlich als "Herr Sugar" angeredet werden, ganz wie der Ganove Cheech in Allens Komödie.