John, der bellman, ist noch immer auf seinem Posten, ein wenig hagerer als zuvor, das Haupthaar dünner, die Miene strenger, obschon die Augen in jenem milchigen Glanz der Kurzsichtigen verschwimmen und die lilafarbenen Schatten zwischen den Nasenflügeln und Wangenknochen, die sich so oft bei einstigen Seminaristen und entlaufenen Gottesmännern finden, eine Spur dunkler geworden sind.

Mit gekreuzten Armen steht er an der Treppe des kleinen Hotels an der Pennsylvania Avenue in Washington, das Kommen und Gehen der Kundschaft inspizierend, wenn er keine Koffer aus den Taxis lädt und keine Autos parkt.

"Haben Sie den letzten Küng gelesen?" fragte er, zwischen Tür und Angel. Ich schüttelte den Kopf. Theologie ist nicht meine Sache. "Kein Feuer mehr", sagte John mit einem Anflug von Traurigkeit. Er kann die Altersmilde des helvetischen Rebellen nicht billigen. Stets nennt er mich "Herr Professor" (auf deutsch), weil ich schreibe. Stets salutiere ich ihn "Herr Doktor", weil er liest, weil er forscht und sich kundig macht: derzeit über die Geschichte des Hauses Habsburg.

"Sind Sie ein Mann der Aufklärung?" rief er gestern quer durch die Halle. Ich nickte. Er kramte einen Zeitungsausschnitt aus der Tasche seiner grauen Livree, dem zu entnehmen war, daß die Behörden von New Orleans die George-Washington-Grundschule in dem Vorort Bywater ihres Namens beraubten, da nach einer Weisung der Stadtregenten kein Institut der Bildung nach einem Sklavenhalter benannt werden darf: Political Correctness auf dem Marsch.

Nein, es half dem Gründervater nicht, daß er - anders als sein Außenminister Thomas Jefferson - seine Sklaven am Ende in die Freiheit entließ. Die Bildungsstätte in Bywater erinnert künftig an den schwarzen Chirurgen Charles Richard Drew, der gewiß ein braver und tüchtiger Mann war.

Doch es erhebt sich die Frage, ob im Fortgang der Jahre alle 450 Schüler, die den Namen des Gründervaters tragen, umzutaufen sind? Und was ist dann mit dem abertausend schwarzen Bürgern, die Washington oder Jefferson heißen? Und kann die Hauptstadt weiter den Namen Washington tragen?

Vielleicht löscht sich, was New Orleans angeht, das Problem selber aus, da Wissenschaftler errechnet haben, daß im Fortgang des nächsten Jahrhunderts die Erderwärmung den Wasserspiegel des Mississippideltas um zwanzig bis siebzig Zentimeter steigen lassen wird - in jedem Fall hoch genug, um die subtropische Stadt mit ihrem politischen Dschungel, dem French Quarter, den Dixie-Bands und den Bordellen zu überfluten.