Scheiternde Schülerträume

Wir erinnern uns noch gut, damals in der Schule, an den begehrten Augenblick: kein Lehrer weit und breit in Sicht. Eine unverhoffte Freistunde!

Anarchische Zwischenzeit der großmäuligen Auftritte und gemeinen Attentate, Schauplatz wilder Schwammschlachten und zarter Liebschaften - und manchmal sogar der Moment des großen Träumens. So ist es auch im altmodischen Gymnasium von Brabant. Die Schüler sind unter sich. In kniekurzen Hosen sitzen sie in den Bänken, pubertierende große Kinder allesamt. Es fliegen die Papierschwalben und die Kopfnüsse. Bis der Klassenbeste aus der ersten Reihe das Kommando übernimmt: "Hört! Grafen, Edle, Freie von Brabant!" Und begeistert fällt die Meute ein: "Wir geben Fried und Folge dem Gebot."

Fanfarenbläser steigen auf die Tische. Selbstgebastelte Holzschwerter werden gezogen. Ein König, auch er in kurzen Hosen, tritt nach vorne. Auf dem Kopf trägt er eine Pappkrone. Und schon hat sich die halbstarke Schülerschar zwischen Schultafel und Linoleumboden in eine mittelalterliche Ritterwelt phantasiert, träumt von Reichsehr' und Kampfesscharen, streitet um Brudermord und Gottesgericht. Verblüfft reibt man sich die Augen: Der neue Hamburger "Lohengrin" findet in einem Klassenzimmer statt.

Peter Konwitschny hat ihn inszeniert und ist wagemutig auf Distanz gegangen zu all den Deutungskonventionen, die sonst auf dem "Lohengrin" lasten. Nicht das bei den Abonnenten so beliebte mythisch entrückte, romantische Märchen wollte er zeigen und nicht das bei den Regisseuren so beliebte politische Lehrstück über Nationalchauvinismus, Führerkult und Verführbarkeit des Volkes, nicht die Tragödie des ewig unverstandenen Künstlers und keine tiefenpsychologische Studie aus der Praxis des Doktor Freud. Von lähmender Feierlichkeit hat er die Oper befreit und ein ganz schwärmerisches Stück entdeckt über die Sehnsucht der Jugendlichen, über das Erwachsenwerden und das erste große Scheitern einer Utopie. Auch im Orchester kann man dies von Anfang an hören. Ingo Metzmacher am Dirigentenpult meidet nämlich den frenetischen Tonfall ebenso wie weihevoll zerfließendes Pathos. Und liefert trotz langsamer Tempi eine eminent lebendige musikalische Interpretation, analytisch ausgehört in den Strukturen, aber auch voll von spannungsvollem Drängen und Dehnen.

Eine ungeahnter Elan liegt über diesem Brabant, eine Aufbruchsstimmung, die mit der Entstehungszeit der Oper korrespondiert. 1846/47 hat Wagner seinen "Lohengrin" in Dresden geschrieben, mitten im politisch knisternden Vormärz.

Und etwas von dieser vorrevolutionären Begeisterungsfähigkeit mit ihrem leisen Hauch der Anarchie scheint Konwitschny in seiner Inszenierung einfangen zu wollen, vielleicht gerade weil die Oper bereits auch den Weg weist in ein fatales Führertum von Gottesgnaden. Viel juveniler Übermut ist da im Spiel, und wo sonst statuarisches Massengepränge herrscht, zeigt Konwitschny virtuos wuselnde Aktion. Zum Beispiel zu Beginn des dritten Akts: Sexualkundeunterricht! Am alten Kartenständer hängt das Schaubild von Mann und Frau. Die Rollos werden herabgelassen und zur "La ola"-Welle der kichernden Meute die blauen Turnmatten hereingeschleppt - das Brautbett für Elsa. Vermeintlich Erhabenes läßt Konwitschny so ein ums andere Mal ins Burleske kippen. Und auch die unentwegten Heilrufe des Volkes dröhnen viel weniger unangenehm in den Ohren als sonst. Wie die Regie überhaupt alles Martialische und latent Totalitäre, das Waffengeklirr und das Einschwören auf Krieg und Kampf, eher abmildert und ironisiert: Die Formel für den neuen Herrscher "Schützer von Brabant" muß den Pennälern an der Tafel erst eingebleut werden, und beim rauh lärmenden "Auf! säumt zu streiten nicht" fliegen nur nasse Schwämme.

Trotzdem ist Konwitschny weit davon entfernt, das Stück an eine oberflächliche Pennälerposse zu verraten. Die Inszenierumg hält die Balance zwischen subversiver Energie und wahrhaftiger Empfindungstiefe, offenbart mitunter eine schwindelnde Fallhöhe in der Entwicklung der Figuren. Denn von großer Sehnsucht sind sie alle getrieben - und am Ende desillusioniert. Elsa (von Inga Nielsen stimmlich brillant, mit einnehmend jugendlichem Liebreiz verkörpert) ist zunächst ganz das schüchterne Kind, das sich im Schulschrank versteckt und nur in seinen Träumen lebt. Das Tabu des Frageverbots wird für sie zur unausweichlichen Schwelle zur Erwachsenenwelt, die sie überschreiten muß. Zu Beginn des zweiten Akts malt sie dem Fragezeichen an der Tafel, das für Lohengrin steht, noch lustige Hasenohren an. Später schreibt sie es zwanghaft selbst auf alle Bänke und die Brust des Königs. Ihre Gegenspielerin Ortrud (überzeugend: Eva Marton) ist das böse, schon viel erfahrenere Mädchen aus der letzten Bankreihe, das unheimliche Triebe in sich spürt. In ihrer Wotansanrufung reißt sie sich, von erotischer Hitze übermannt, sogar die Kleider vom Leib.

Scheiternde Schülerträume

Aber irgendwann ist das Spiel für die großen pubertierenden Kinder von Brabant natürlich vorbei, sind die Träume ausgeträumt und die geheimen Wunschwelten von der Realität zerstört. Dann ist das Klassenzimmer verschwunden. Man blickt nur noch auf die schwarzen Brandmauern des Theaters, und das Herzogskind Gottfried, das zu den desolaten Schlußakkorden der Oper erscheint, deutet an, was wirklich blüht: Einen Stahlhelm trägt es auf dem Kopf, das Maschinengewehr über der Schulter.

Und Lohengrin? Aus dem Boden fährt er im ersten Akt herauf in den Klassensaal, vom flügelschlagenden Gottfried als Schwanenersatz begleitet.

Der ausgezeichnet disponierte Thomas Moser gibt ihn ohne den großen heldischen Glanz, singt mit lyrisch gefärbtem Timbre und weicher Phrasierung.

Gewiß ein Hoffnungsträger und umschwärmtes Teenie-Idol für Elsa und ihre Mitschüler ist dieser Lohengrin, aber alles andere als eine silbrige Lichtgestalt: Wie ein glanzloser moderner Alltagsmensch wirkt er in seinem beigefarbenen Trenchcoat und den weißen Socken. Ein Alt-68er womöglich, der im jugendlich agilen Treiben noch einmal mitmischen möchte, in der Schülerwelt anbiedernd die Hosenbeine hochgekrempelt hat - und sich lächerlich macht. Einer, der in die falsche Zeit und an den falschen Ort geraten ist. Eine schlechte Erfahrung für Elsa und die Kids. Aber bestimmt nicht die letzte.