Seine Freunde nennen ihn Lupo, nach dem Wolf aus "Fix & Foxi", der immer den kürzeren zieht, weswegen ihm auch die Herzen aller halbwegs brauchbaren Kinder der ersten Comic-Generation zugeflogen sind. In der Tat hat Dienheim, recte: Herr von Dienheim, etwas von einem lonesome wolf an sich, und wie der wirkliche Lupo lebt er in einem vergammelten Turm, durchaus schlitzohrig auf das Seine bedacht und frei von altruistischen Ambitionen.

Die Unterschiede freilich sind gewichtiger. Denn erstens wird er in regelmäßigen Abständen von einer gewissen Krankheit zur Güte heimgesucht, und zweitens hat ihn Eva Demski, der Dienheim sein Dasein als Erzähler und Hauptakteur eines üppig instrumentierten Zeitromans verdankt, mit solider Bildung, kritischer Intelligenz und attraktiven Verschrobenheiten ausgestattet. Und mit einem Beruf, der den sechzigjährigen Bonvivant leidlich erhält und für das ihm aufgetragene Chronistenamt qualifiziert: Dienheim ist Requisiteur beim Fernsehen seit dessen Kindertagen. Ein Experte für den Wandel von Geschmäckern, Moden und Bewußtseinslagen mit viel Muße für die Grundlagenforschung, das Studium der Menschen nämlich und ihrer Lebenswelten.

Sein Operationsfeld: der Turm, ein vierzehnstöckiges Hochhaus am Großstadtrand, in das man üblicherweise nicht freiwillig zieht, sondern als Verlierer "eingewiesen" wird, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen: echte und falsche Damen, die eigensinnig zwischen abgestumpften Kleinbürgern, Sozialfällen, Junkies, abgewickelten Ossis und verrohten Kids verharren, ein pensionierter Studienrat mit Nazi-Vergangenheit, dem die Präsenz von "mehr als 20 Nationalitäten" in seiner unmittelbaren Umgebung reich lich Anlaß bietet, die völkische Flamme am Lodern zu halten, drei muntere Transvestiten, ein invalider Musiker schließlich, der von der Aura fernöstlicher Weisheit umgeben ist und sich die Penthouse-Wohnung leistet.

Menschen allesamt, die sich im Guten, im Bösen oder durch ihre unbekümmerte Narrheit von den Underdogs abheben, die in der "Proletenburg" gestrandet sind, sich "träumend vermehren", "träumend" ihre "Brut" großziehen, ja es vermocht haben, "die vollständige Bedeutungslosigkeit anzunehmen und ihr mit Hilfe verschiedener Institutionen auch Genuß abzugewinnen, einen amöbenhaften Genuß".

Dienheim selbst gehört natürlich zur exzentrischen Elite des Hauses, zu jenen, deren Geschichten und Lebensläufe die farbigen unter den "vielen kleinen Bildern" liefern, aus denen sich das große Bild zusammenfügt: ein Zeit- und Gesellschaftspanorama mit Schlaglichtern auf "deutsche Biographien" und rund vierzig Jahre Fernsehgeschichte, unter dessen ausschweifender Eloquenz eine große Ratlosigkeit erkennbar wird. Die Ratlosigkeit einer Generation, deren Ziel es einmal gewesen ist, mehr Demokratie zu wagen, Voraussetzungen zu schaffen für Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit.

Alle Ansätze Dienheims, sich Klarheit darüber zu verschaffen, wo eigentlich die Moral von damals geblieben ist, bei ihm selbst und bei den arrivierten Zulieferern und Abzockern einer unverhüllt zynischen Bewußtseinsindustrie, verlieren sich in wehmütigen Rückblenden auf die Jahre des Aufbruchs oder in kulturpessimistischen Raisonnements über den Verfall der Medienkultur. Die aufgeklärte Vernunft läuft Gefahr, in falsche Allianzen zu geraten: Unablässig muß sich Dienheim ermahnen, nicht in blankes Ressentiment gegen einen Zeitgeist zu verfallen, der sich um die Kategorien des kritischen Bewußtseins längst nicht mehr schert, "weil: Dagegensein macht alt. (...)

Manchmal denke ich, nichts ist anstrengender, als sich mit diesem Berg Unerträglichkeiten abzufinden und ihn schönzureden."