REUTLINGEN. - Auf dem Friedhof mit dem schönen Namen Unter den Linden steht seit 1955 ein mehr als drei Meter hoher Obelisk. Auf seiner Westseite gedenkt die Stadt "der Opfer beider Weltkriege". Kaum hundert Meter nördlich davon entfernt steht ein "Ehrenhain", auf dessen Tafeln die Namen der gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs aufgelistet sind, mit abschließendem "Ehre und Dank" der Heimatstadt. Etwas näher an der Friedhofsmauer, liegt die dritte Gedenkstätte: "Den Opfern der Gewalt 1933-1945".

An alle Reutlinger war somit gedacht: die aus der Stadt getriebenen Juden.

Die beim Bombenangriff getöteten Zivilisten. Die an Auszehrung gestorbenen Zwangsarbeiter. Und die im Krieg fern der Heimat gefallenen Soldaten der Stadt. Niemand war vergessen - und doch keiner gemeint. Denn 53 Jahre nach Kriegsende fragt eine alte Dame laut und beharrlich: "Wo ist das Denkmal für meinen Bruder Heinrich?" Heinrich Elwert war am 9. Februar 1945 auf dem Rückzug von Rußland gefallen - einer von etwa 2000 Wehrmachtstoten der Stadt Reutlingen.

Ihrer durch eine Namensliste zu gedenken, ähnlich wie der Gefallenen des Ersten Weltkriegs, darauf hatte die Stadtverwaltung in den fünfziger Jahren verzichtet, "im Hinblick auf die große Zahl der namentlich nicht bekannten Opfer und Vermißten". In der damals beschlossenen Formulierung sollten sich alle wiederfinden. Doch die inzwischen 85jährige Albertine Elwert hat nur noch einen Wunsch: den Namen ihres Bruders zusammen mit denen aller anderen gefallenen Reutlinger Soldaten auf einer Gedenktafel zu sehen. Dafür hat sie ihr kleines Vermögen von immerhin rund 300 000 Mark Reutlingen angeboten und damit einen emotionalen Sprengsatz gelegt: Kein Thema hat die Bürger der schwäbischen Stadt in den vergangenen Jahren dermaßen aufgewühlt und gespalten wie die Frage nach dem Für und Wider eines Soldatendenkmals.

Seit Monaten führen die Leserbriefschreiber in den Lokalzeitungen eine längst geschlagen geglaubte Schlacht, und im Gemeinderat erhitzen sich die Gemüter.

Während die Gegner eine "Glorifizierung des deutschen Soldatentums" befürchten und mit Hinweis auf die Verbrechen der Wehrmacht ein separates Denkmal vehement ablehnen, will die andere Seite endlich Gerechtigkeit für die toten Soldaten, "die der Zeitgeist ins Abseits gedrückt und namenlos gemacht hat", wie ein Lokaljournalist schrieb.

Albertine Elwert hat inzwischen 14 000 Unterschriften von Bürgern gesammelt, die sie in ihrer Absicht unterstützen. Die zunächst ablehnende Stimmung im Gemeinderat hat sich unter dem Druck so vieler Wählerstimmen bald schon gewandelt, und nun wird im Rathaus noch in diesem Monat wohl eine Entscheidung fallen - für das Soldatendenkmal. Beantragt hat dies die Freie Wählervereinigung, die zusammen mit der CDU und anderen bürgerlichen Listen die Mehrheit hält.