Seit Monaten rätseln Deutschlands Katholiken über Rom. Werden der Papst und sein oberster Glaubenswächter, der Kardinal Ratzinger, die reine Lehre exekutieren und die deutschen Bischöfe verdonnern, den Rückzug aus der Beratung ungewollt schwangerer Frauen anzutreten? In der kommenden Woche werden wir es wohl endlich erfahren. "Beihilfe zum Mord" sei, was die katholischen Beratungsstellen trieben, weil sie den gesetzlich geforderten Beratungsschein erteilten, dekretierte der Fundamentalistenkardinal auf "unterlassene Hilfeleistung" liefe hinaus, was der Vatikan fordere, konterte die Mehrzahl der deutschen Bischöfe, an ihrer Spitze Karl Lehmann. Er hat recht.

Frauen dürfen hierzulande in den ersten drei Monaten einer Schwangerschaft straffrei abtreiben, wenn sie sich zuvor in einer staatlich zugelassenen Stelle haben beraten lassen und ihnen dies auch schriftlich bescheinigt worden ist. Das Gesetz fordert ein flächendeckendes, weltanschaulich plurales Angebot an Beratung. Dies gibt es, weil sich eben auch die katholische Kirche beteiligt. Das ist gut so und der katholischen Kirche hoch anzurechnen. Denn obwohl sie den Paragraphen 218 ablehnt, entzieht sie sich nicht der Aufgabe, den Hilfesuchenden beizustehen. Und sie trägt auch dazu bei, nach jahrzehntelangem, quälendem Streit einen stets prekären gesellschaftlichen Kompromiß in der Abtreibungsfrage nicht aufs neue zu zerstören.

Was geschähe, wenn die allseits gelobten Mitarbeiterinnen der Caritas und des Sozialdienstes katholischer Frauen nicht mehr tun dürften, was der Staat verlangt und wofür er zahlt - nämlich nach erfolgter Beratung eine Bescheinigung auszustellen? Rund 270 katholische Beratungsstellen fielen heraus aus dem System, etwa 15 Prozent der Frauen würden nicht mehr nach ihrer eigenen Wahl beraten werden. In Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und ganz besonders in Bayern wäre der Verlust an Bedeutung und gesellschaftlichem Bezug der katholischen Kirche weit größer. In Bayern finden 40 Prozent aller Beratungen in katholischen Einrichtungen statt - und diese bekommen dafür 64 Prozent aller Fördergelder des Landes. Obendrein hat Bayern auf Druck Ratzingers sein Beratungsgesetz verschärft. Sollte Rom also ein reaktionäres Machtwort sprechen, wäre das gerade für seine Getreuen in der deutschen Politik sehr peinlich.

Im vergangenen Jahr gab der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zu Protokoll: Wenn eine juristisch und moraltheologisch gut begründete Praxis plötzlich als unsittlich und sündhaft bezeichnet würde, "führt das zu einer innerkirchlichen Zerreißprobe, die selbstzerstörerische Züge annimmt". So werde die Basis für gemeinschaftliches Engagement in Gesellschaft und Politik zerstört.

In der Tat: Was taugte noch das bischöfliche Wort zu Armut und Ungerechtigkeit, wenn es im Namen einer Kirche gesprochen würde, die sich, auf hoher Kanzel thronend, um die Gewissensnot ihrer Mitglieder einen Teufel schert? Und was, bitte schön, soll Katholikinnen künftig noch in einer Kirche halten, die sie ohnehin schon bei Ämtern und Würden diskriminiert? In einer Kirche auch, wie sie etwa der Fuldaer Bischof Dyba verkörpert? Die Beratungsbescheinigung, so tönt er, sei eine "Lizenz zum Töten" - und drückt damit ganz unverhohlen Frauenverachtung und Geringschätzung der Beraterinnen aus.

Sollte der Vatikan im Streit mit der Mehrzahl der deutschen Bischöfe nicht einlenken, so kann man diesen nur die Kraft zum Ungehorsam wünschen. Welcher Preis dann zu zahlen wäre, hängt davon ab, ob der Papst das Problem zu einer Frage der Lehre hochstemmt oder als eine Frage ihrer Anwendung beläßt.

Letzteres gäbe den Bischöfen Spielraum, ohne gleich um ihr Amt bangen zu müssen. Doch die Entfremdung zwischen deutschen Katholiken und Rom wird bleiben.