Der Eigengeruch vieler Neger stört das Wohlbefinden der Weißen empfindlich, wenn er sich immer wieder auf den Gängen in den Straßen einstellt, und der Lärm, den der Neger zu seinem Vergnügen und Behagen von Zeit zu Zeit machen muß, kann zu so empfindlichen Belästigungen der Weißen führen, daß das Nervensystem leidet." Diese unverhohlen rassistischen Sätze finden sich in einem umfangreichen, 1912 verfaßten Gutachten zweier im Kolonialdienst in Kamerun tätigen Mediziner. Schutztruppenarzt Philalethes Kuhn und sein Kollege Noetel rechtfertigten in dieser Schrift die Zwangsenteignung der afrikanischen Bewohner von Duala, Wirtschaftsmetropole des deutschen "Schutzgebietes". Kuhn und Noetel verschwendeten indes wenig Tinte auf wissenschaftlich-medizinische Begründungen. Statt dessen äußerten sie "schwerste rassenhygienische Bedenken", die durch das "Durcheinanderleben der Europäer und Eingeborenen erweckt" würden. Fortan sollten, so lautete ihr Diktum, Europäerstadt und Afrikanersiedlung durch eine ein Kilometer breite Freizone getrennt werden.

Dieses Gutachten ist ein besonders drastisches Beispiel für die Praxis deutscher Kolonialmedizin in Afrika, Asien und im Pazifik, die, wie der Heidelberger Medizinhistoriker Wolfgang U. Eckart in seiner materialreichen Studie zu zeigen vermag, ständig zwischen kolonialer Herrenrolle und humanitärem Einsatz, zwischen Krankheitsbekämpfung und Genozid schwankte. Die Argumente der deutschen Tropenärzte für die Umsiedlung der Bewohner von Duala sind ein Beleg dafür, wie der neueste Stand der medizinischen Forschung rassistisch verengt werden konnte.

Die Karriere von Kuhn steht für die unheilvolle Kontinuität von "Tropenhygiene" und dem nationalsozialistischen Rassenwahn. Schon 1920 trat der ehemalige Schutztruppenarzt mit einer publizierten Festrede über "Deutschlands Erneuerung und die Rassenhygiene" auf. Das frühe NSDAP-Mitglied ließ 1932 als Direktor des Hygienischen Instituts der Universität Gießen eine Dissertation "Ueber die Sterilisierung Minderwertiger in Deutschland" anfertigen. Nach 1933 (bis zu seinem Tod 1937) galt die besondere Aufmerksamkeit Kuhns der "Lösung" der "Judenfrage".

Eckarts voluminöse Untersuchung ist zwar zu detailversessen und methodisch sehr konventionell. Ihr kommt aber das nicht geringe Verdienst zu, ein bisher in der deutschen Historiographie vernachlässigtes Thema sorgfältig und differenziert aufgearbeitet zu haben.

Wolfgang U. Eckart: Medizin und Kolonialimperialismus Deutschland 1884-1945 Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1997 638 S., 78,- DM