Jetzt heißt es, Nerven bewahren. Wer Kanzler(-kandidat) werden will, muß das aushalten: die Mißgunst des einen oder anderen Parteifreundes, die Unsicherheit über den Wahlausgang in Niedersachsen, die Unklarheiten über Modus und Zeitpunkt der Kandidatenkür. Das ist das mindeste. Aber immer wieder, vor allem in den kurzen Pausen, wenn Gerhard Schröder einmal nicht vor laufenden Kameras den SPD-Vorsitzenden herzen und tätscheln muß, kommt ihm der düstere Gedanke, alles sei längst gegen ihn und sein großes Ziel entschieden. - Alles umsonst? Die schönen Umfragewerte, die Innovationsfreude, die Demutsgesten, die man ihm als ständiges Bewährungsritual abverlangt, seit er im unvergessenen Sommer 95 den damaligen Parteichef Rudolf Scharping in den Ruin trieb?

Dabei war das Ganze so schön eingefädelt. Voller Bescheidenheit hatte Schröder sein "persönliches Maastricht-Kriterium" in Umlauf gebracht, wonach er bei zwei Prozent Stimmenverlust in Niedersachsen auf die Kandidatur verzichten werde. Will heißen: Auch leichte Verluste sollten ihm den Weg nach Bonn nicht mehr verlegen. Deshalb erscheint ihm jetzt schon der bloße "Fahrplan" zur Entscheidung wie das Layout zur großen Intrige. Die Niedersachsenwahl, für Schröder das entscheidende Kriterium, schrumpft bei seinen Widersachern zu einem von mehreren Indizien für die Kandidatur. Fast hätte er schon jetzt seiner Partei die aufgezwungene Freundschaft gekündigt.

Doch es kommt noch schlimmer. Erst wird die Entscheidung hinausgeschoben. Und dann, am 16. März, tritt nach einer kurzen Sitzung des SPD-Parteivorstandes Oskar Lafontaine vor die Presse und gibt das Ergebnis bekannt: Oskar Lafontaine ist zum Kanzlerkandidaten nominiert worden, einstimmig, bei einer Enthaltung. Und just in diesem Moment, wenn für Gerhard Schröder alles vorbei scheint, beginnt der eigentliche Psychotest. Nur wenn er dann die Ruhe behält, seine unverbrüchliche Freundschaft zum Vorsitzenden beteuert und vier Wochen lang die Ratschlüsse der deutschen Sozialdemokratie lobpreist, wird ihn der Parteitag am 17. April zum Kandidaten küren. Vielleicht.