Deutschland ruckt und ruckt: nach Osten. Zunächst offenbart die CDU im Beitrittsgebiet erste, respektive letzte Zeichen von Vernunft und verzichtet auf die Neuauflage ihrer 94er Rote-Socken-Kampagne. Dann belebt der große Lauschangriff die schönsten Erinnerungen der DDR-Bürgerrechtsbewegung. Und nun hat, zum ersten Mal, die Bundesrepublik ein Stück DDR-Geschichte als eigene akzeptiert. Applaus - nicht dem Kanzler der Einheit, sondern dem Deutschen Schwimmverband.

Erinnerung an den Wettlauf der Systeme: 572 olympische Plaketten hat die selige DDR zusammengesportet. Was 1956 in Cortina d'Ampezzo mit Skisprung-Bronze für den kürzlich verstorbenen Harry Glaß begann, mündete 1988 bei den Seouler Sommerspielen in eine Flutkatastro-phe von 102 Medaillen. Weit abgeschlagen blieb die Bundesrepublik und grämte sich von Herzen. Das wiederum erstaun-te viele DDRler, die zunehmend peinlich fanden, wie ihr Staatchen den Herkules markierte. Sport war die Außenpolitik der SED.

Unglaublich: Sie hatte Erfolg. Die Welt begaffte Potenzen, die Honeckers Deutschland weder wirtschaftlich besaß noch gar in puncto Moral.

Die Mauer fiel. Dem Westen war sein neuer Osten dreierlei: Immobilie, Markt und Sportlerlieferant. Ostathleten und -trainer, noch 1989 mit 1,3 Milliarden DDR-Mark alimentiert, liefen in Scharen hinüber, zum Entsetzen ihrer altbundesdeutschen Konkurrenten. Die Westfunktionäre waren entzückt.

NOK-Präsident Willy Daume nannte den Ostsport ein deutsch-deutsches "Heiratsgeschenk". Olympia 92 in Barcelona wurde als Hochamt der Einheit zelebriert.

Und dann öffneten sich die Gauck-Archive. Die ekligen Konvolute von Lüge und Manipulation haben zwei Vulgärurteile über den DDR-Sport in Umlauf gebracht.

Erstens: Alles Stasi. Zweitens: Alle gedopt. Diese Generalverdikte sind so begreiflich wie naiv. Sie verwechseln die frühe und die späte DDR. Sie unterschätzen ihr Talentsichtungssystem. Sie mißverstehen Volkshelden wie Täve Schur, Helmut Recknagel, Jens Weißflog und Matz Vogel als Klone aus der SED-Retorte. Sie übersehen, daß Doping keiner kommunistischen Doktrin entspringt, sondern der Logik des Leistungssports. In autoritären Regimes läßt sich diese Logik nur leichter praktizieren.