PARIS. - So viel Gewalt wie jetzt in Algerien macht sprachlos. Zu dick aufgetragen, um wahr zu sein? Der Zuschauer traut seinen Augen nicht er ist bereit, die ausgefallensten Erklärungen naiv zu glauben: Was geschieht, ist gar nicht passiert, es handelt sich um eine trügerische Inszenierung, und diejenigen, die seit fünf Jahren die Verantwortung für die Verbrechen übernehmen, sind gar nicht die Verbrecher. Für unsere Seelenruhe suchen wir nach einer unsichtbaren Hand hinter den Kulissen - den militärischen Sicherheitsdienst, irgendeinen Geheimdienst -, die diesen blutigen Wahnsinn organisiert, also auf eine rationale Ebene stellt.

Im 20. Jahrhundert wurde quantitativ natürlich Schlimmeres erfunden, die unerhörte Qualität des Schreckens jedoch macht sprachlos. Hitler und Stalin hüllten ihre Vernichtungen noch in Nacht und Nebel. So viel Schamgefühl scheint einem anderen Zeitalter zu entstammen. Inzwischen stehen vor den Abrechnungen Fatwas, die munter via Internet verbreitet werden, und in den Moscheen wird Kopfgeld ausgesetzt.

Die Übeltaten sind ordentlich abgezeichnet, doch die Signatur ruft Unglauben hervor. Wir haben vergessen, daß die Bartholomäusnacht eine Nacht göttlicher Liebe war: Katharina von Medici, die Königin voller Ideale, meinte ihr sehr christliches Reich in aller Frömmigkeit zu reinigen. Die Fratze des theologischpolitischen Verbrechens wollen wir nicht dahinter sehen.

Massaker an Unschuldigen als Opfergabe an Gott zu legitimieren ist kein neuer Gedanke: Alle Religionen haben derartige fanatische Auslegung erfahren. Doch selten fiel die Verdammung so kärglich aus.

Für verantwortlich halte ich:

diejenigen (FIS und Genossen), die den Krieg gegen die algerische Zivilbevölkerung propagierten, indem sie die Motive mit einem Heiligenschein umgaben. Ein halbes Jahrzehnt lang opferten und schändeten sie, um heute eine "Waffenruhe" festzusetzen. Mit dieser Terminologie lassen sie eine intolerable Unmenschlichkeit weiterhin legitim erscheinen

diejenigen, die als moralische, politische und religiöse Instanzen den Mord im Namen eines höchsten Wesens niemals sogleich verurteilt haben. Es gibt keine Entschuldigung, wenn der fromme Vorwand gelegentlich mafiöse oder gar polizeiliche und politische Interessen kaschiert: Den falschen Fanatikern ihre Maske zu lassen, indem man die wahnsinnigen Gotteskrieger nicht aufs schärfste verurteilt, stellt eine weitere Sünde dar. Sie geht auf das Konto der stumm bleibenden Verantwortlichen.