Die Aufgabe klingt kühn: Man nehme die menschliche Wirtschaft und versuche, deren Dynamik mit evolutionären Prinzipien zu erklären. Man berücksichtige dabei sozialen Wandel, menschliches Lernvermögen sowie historische Erfahrungen. Die Fusion der Begriffe "Evolution" und "Ökonomie", von einer kleinen, aber wachsenden Gruppe Wirtschaftswissenschaftler seit knapp zwei Jahrzehnten betrieben, birgt beträchtliche Sprengkraft, insbesondere in Deutschland, wo sozialevolutionäre Ideen verbrecherisch mißbraucht wurden.

Zudem lösen die offensichtlich unaufhaltsame Globalisierung, Rationalisierung und Beschleunigung wirtschaftlicher Prozesse existentielle Ängste aus.

Evolutionärer Dynamik entkommmen gewachsene Sozialstrukturen ebensowenig wie natürliche Ökosysteme, ob in Thüringen oder in Tibet. Und allem Anschein nach versagen die herkömmlichen Instrumente der Wirtschaftswissenschaften, wenn es darum geht, die Ursachen dieses mit geradezu naturgesetzlicher Wucht alles durchdringenden Wandels zu erklären.

Interessant wäre es also schon, Genaueres zu wissen über die verborgenen Triebkräfte und Mechanismen wirtschaftlichen Wandels. Die Abteilung Evolutionsökonomik am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Wirtschaftssystemen in Jena will es versuchen. Unter der Leitung des Volkswirtschaftlers Ulrich Witt beschäftigen sich Ökonomen, Mathematiker, Physiker und Biologen in mehreren Teilprojekten mit evolutionären Vorgängen in der Wirtschaft. Witt und sein halbes Dutzend Mitarbeiter sind noch dabei, die Fundamente der neuen Disziplin zu legen. Da gilt es, einen "grundlegenden Vergleich von biologischer und kulturell-wirtschaftlicher Evolution" zu leisten. Oder menschliches Lernen mittels einer "interdisziplinären Synthese der unterschiedlichen Lernhypothesen" in der akademischen Ökonomik zu verankern. Da geht es um "einen neuen Erklärungsansatz für die Lebenszyklen von Firmen, Märkten und ganzen Industrien". Da wollen Konjunkturschwankungen mittels einer "neuen Klasse von Modellen mit nichtlinearer Dynamik" erklärt sein - also Modellen, die prinzipiell keine exakten Vorhersagen erlauben, bei denen jedoch das Ganze mehr sein kann als die Summe seiner Teile.

Ganz schön viel für den Anfang. Ulrich Witt, ein äußerlich ruhiger und leicht asketisch wirkender Fünfzigjähriger, läßt sich davon nicht schrecken. Zum einen bestehe nur durch "bewußt breitgestreute" Teilprojekte eine Chance, gemeinsame Muster in unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungsprozessen aufzuspüren. Zum anderen hält er sich an die Grundregel dessen, was er den "Insel-Ansatz" nennt: "Machbares machen".

Dabei versuchen die Jenaer Evolutionsökonomen zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Erklärungen für komplexe, sich selbst organisierende Systeme zu vereinigen: das alte, vom britischen Volkswirtschaftler Adam Smith formulierte Konzept der "unsichtbaren Hand" des Marktes und die von Naturwissenschaftlern entwickelte Theorie der Selbstorganisation dissipativer Strukturen, also solcher Gebilde wie Lebewesen, die Energie und Materie aus ihrer Umgebung aufnehmen und in anderer Form wieder abgeben. Beide Ansätze beschreiben, wie aus vielen, scheinbar unzusammenhängenden individuellen Aktionen oder Ereignissen Ordnung entsteht und dadurch ein historisch einmaliger Ablauf von Ereignissen möglich wird - also eine evolutionäre Geschichte.

Ein gewaltiger akademischer Spagat. Denn zwischen biologischer und ökonomischer Evolution gibt es grundlegende Unterschiede: