Am Rande der Moldau standen drei Wolga. In den grauen Limousinen saßen sechs tschechische Geheimdienstler. Sie warteten vor meinem Häuschen in der Prager Vorstadt, um mir das letzte Geleit bis zur Grenze zu geben. Mir blieben nur noch Stunden. "Wegen Ausspähens militärischer Dislokationen" mußte ich das Land bis Mitternacht verlassen haben.

Der Vorwurf war schwer zu widerlegen. Wieviel russischen Panzern war ich als Korrespondent schließlich begegnet seit dem sowjetischen Einmarsch im August 1968! Nun war schon der 26. April 1969, ein Jahr nach dem Prager Frühling.

Die sozialistischen Äcker mußten wieder bestellt, die westlichen Schädlinge bekämpft werden. Der neue Parteichef Husák pflügte das Land um. Meine Telephonleitung war durchtrennt worden. Niemand konnte den westlichen Spion mehr erreichen, dessen Sündenregister zu jeder vollen Stunde im Prager Funk und Fernsehen verlesen wurde.

Im Garten verbrannte ich Stöße von Papier. Den ungebetenen Schnüfflern am Gartenzaun sollte wenigstens der Rauch von "Geheimdokumenten" in die Nase beißen. Plötzlich schob sich durch Qualm und Autoblockade eine hohe, etwas schlaksige Gestalt. Es war Frantisek Cernì, Reformjournalist bei Radio Prag.

Er hatte sich aus der Stadt auf den langen Weg zum kurzen Abschied gemacht.

Um den jungen Kollegen zu trösten, zeigte er auf die Geheimdienstler: "Wenn du bis zur Grenze gefahren bist, wirst du die nie mehr wiedersehen. Aber mich werden sie dann übernehmen."

So kam es. Wenig später erhielt Cernì wie Tausende anderer Reformer Berufsverbot. Makabre, groteske Verhöre folgten. Ihm wurde ein "Beweisstück" vorgehalten, das der Verlag Kiepenheuer und Witsch nach dem sowjetischen Einmarsch 1968 an die Buchhändler verschickt hatte. Der Werbetext lautete: "Noch steht gar nichts fest: aber Mitte Oktober soll ,Viva Dubcek' da sein.