Angermünde/Brandenburg

Jeden Abend wieder diese Angst. Diana Gnorski umklammert die Reizgaspatrone in ihrer Manteltasche. Sie späht über die dunklen Bahnsteige und die verlassenen Gleise und sondiert die Lage, wie stets, wenn sie aus Berlin von der Uni nach Hause kommt, nach Angermünde, eine Kleinstadt im Brandenburgischen. Stehen sie wieder da, und wie viele sind es heute? Soll sie lieber den Schleichweg nehmen, die Schienen entlang über das verwilderte Brachland und im Bogen über die Gleise? Oder wagt sie den Spießrutenlauf?

Je nach Wetterlage und Tageszeit sind sie mal zu fünft, mal zu zehnt. Junge Burschen mit geschorenen Haaren, die ihre Bomberjacken wie eine Uniform tragen. Manchmal schmettern sie der Studentin ein "Zecke, verrecke!"

hinterher, manchmal eine krachende Bierflasche, manchmal auch nur ihre Musik.

Bands mit Namen wie "Landser" oder "oithanasie" grölen dann aus Autoradios über den Bahnhofsplatz - akustische Verstärker der Drohgebärden, mit denen die rechte Szene ihr Revier markiert.

Diana Gnorski und ihre bunthaarigen Freunde haben die Botschaft längst verstanden. Am Bahnhof haben Jugendliche wie sie und Ausländer nichts zu suchen. Anderenfalls geht man besser im Geleitschutz der eigenen Gruppe dorthin. Warum? Das muß man nur noch Fremden erklären. Angermündes Bahnhofsplatz ist für "anders" Aussehende, Denkende, Sprechende zum gefährlichen Ort geworden. Was ausgerechnet an einem Klo "deutsch" sein soll, konnte sich die Gymnasiastin Evelin bis zum Fasching im vergangenen Jahr wirklich nicht vorstellen. Jetzt weiß sie: Ein deutsches Klo ist eines für "saubere Mädels", und Evelin mit ihren ampelrot gefärbten Haaren und den Silberringen im Ohr ist eine "stinkende Zecke". "Zecke" zischeln schon Neunjährige, denen die Bomberjacke noch viel zu groß ist, hinter ihr her. Und mit einem "Hier darf keine Zecke rauf, dies ist ein deutsches Klo" versperrten ihr die Kurzgeschorenen beim letzten Schulfasching den Weg zur Toilette.

Als Evelin und ihre Freundin es einen Stock höher versuchten, wurden sie "zur Strafe" auf der Mädchentoilette eingesperrt. Evelin wird nicht mehr zum Schulfasching gehen. "Wenn du dann noch beim Tanzen ständig angerempelt wirst und hinter dir äfft ein Trupp ,Zecke, haha', macht das alles einfach keinen Spaß mehr." Auf der Faschingsparty des Einstein-Gymnasiums wird man dieses Jahr weniger Bunthaarige sehen: wieder eine "rechte" Eroberung.