Wenn Holger Zschoge, Leiter der Regionalen Arbeitsstelle Ausländerfragen in Angermünde durch die Schulen geht, hat er den Eindruck, daß mancherorts "die Schuluniform wieder eingeführt ist". Sie besteht aus Bomberblousons, schwarzen Lederjacken und Springerstiefeln. "In den Dörfern der Umgebung bilden Rechte mittlerweile nicht mehr die dominante, sondern die einzige Subkultur", beobachtet Zschoge, "und die einzige Gegenkultur bietet höchstens noch der Pfarrer." Wer dem rechten Druck zur Konformität nicht standhält, reiht sich irgendwann ein, und sei es nur zum eigenen Schutz. Wer aber nicht nachgibt, wird weggeekelt, und das kann Folgen fürs Leben haben. "Jugendliche aus dem linken oder alternativen Spektrum brechen ihre Ausbildung nach wenigen Wochen ab", weiß Zschoge, "die halten es in den überbetrieblichen Bildungsstätten einfach nicht mehr aus."

Auch manche Lehrer würden am liebsten flüchten. In Zschoges Beratungsstelle in der Kreisverwaltung häufen sich die Anrufe hilfloser Pädagogen. Neulich kam einer aus dem benachbarten Prenzlau. Als das Thema Rockmusik auf dem Lehrplan stand, sollten die Schüler ihre Lieblings-CDs von zu Hause mitbringen. Zwei Drittel präsentierten der fassungslosen Musiklehrerin rechtsradikale, fremdenfeindliche Titel von einschlägig bekannten Gruppen.

Ein Bahnhof, eine Faschingsparty, eine Schule es kann auch die Tankstelle sein oder der Jugendclub. Orte, an denen die rechte Szene mit Hilfe von kleinem Alltagsterror die Spielregeln diktiert. Was sich in ostdeutschen Kommunen - ob in Angermünde, Sangershausen oder Chemnitz - zunächst beklemmend naturwüchsig zu entwickeln schien, ist inzwischen Strategie organisierter Neonazigruppierungen geworden. "Schafft national befreite Zonen!" agitieren autonome "Kameradschaften". Im Internet ruft das fünfseitige Strategiepamphlet einer "Stormfront" zur "Etablierung einer Gegenmacht" auf: "Wir müssen Freiräume schaffen, in denen wir faktisch die Macht ausüben, in denen wir sanktionsfähig sind, das heißt, wir bestrafen Abweichler und Feinde. Es genügen zehn oder zwölf entschlossene Revolutionäre, und WIR bestimmen, was aus militanter Sicht in einer Stadt ist und was nicht", heißt es großspurig in dem Papier.

In manchen Passagen gleichen Diktion und Strategie der rechtsextremen Botschaft denen der linken Alternativbewegung der achtziger Jahre. Zum propagierten Aktionsplan gehört die Schaffung von Netzwerken und Medien, aber auch die Nachbarschaftshilfe für Alte oder der Protest gegen "kapitalistische Miethaie". "Man muß so handeln, daß man in einem Meer der Sympathie schwimmt, daß die normalen Bewohner für uns die Hand ins Feuer legen."

Die Rechten wollen "national befreite Zonen" schaffen. Bislang ist dies mehr großmäulige Wunschvorstellung als politische Realität. Aber als soziokultureller Hegemonieanspruch hat sich das Konzept bereits in den Alltag geschlichen. "Eine Gefahr für das städtische Leben", warnt der brandenburgische Verfassungsschutz in seiner jüngsten Veröffentlichung.

"Allein, daß es Orte gibt, die Fremde oder andere Gruppen als zu gefährlich meiden müssen, ist schon bedenklich", urteilt Cornelia Schmalz-Jacobsen, Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, und empfiehlt, das Problem "befreite Zonen" auf die Tagesordnung der Innenministerkonferenz zu setzen.

Bernd Wagner, der im Auftrag der brandenburgischen Landesregierung mit einem mobilen Beratungsteam gegen Fremdenfeindlichkeit durch die Kommunen zieht, kennt fast in jeder Stadt Orte der Angst. Nicht ganze Stadtteile, aber Treffpunkte, öffentliche Plätze, "eroberte" Jugendclubs. Im Neubauviertel von Fürstenwalde ist es der Paul-Frost-Ring, wo die rechte Szene über CB-Funk Fremde ins Visier nimmt, in Schwedt ist es der "WK 7", ein Plattenbaubezirk, in Joachimsthal der Platz vor dem Supermarkt. Andernorts gilt die Aral-Tankstelle am Stadtrand als "befreit" oder Radio Germania im Äther.