Während deutsche Ärzte und Ethiker über bessere Sterbehilfe diskutieren, schüren amerikanische Forscher den alten Traum von der Unsterblichkeit. Als Entdecker eines Jungbrunnens feierte die Presse in der vergangenen Woche Forscher der Universität Dallas. Den Texanern unter der Leitung von Woodring Wright ist es gelungen, menschliche Zellen aus Auge und Vorhaut unbegrenzt am Leben zu erhalten. Da liegt der Gedanke nahe, nun blühe uns die Ewigkeit.

Der Weg dorthin klingt simpel: In jeder Körperzelle ist unser Erbgut in Chromosomen gespeichert, und an jedem Ende eines Chromosoms hängt jeweils eine Art Lebensfaden, Telomer genannt. Beim Embryo ist das Telomer am längsten, beim Greis am kürzesten. Denn jede Zellteilung geht, schnipp, schnapp, einher mit einer Verkürzung dieses Lebensfadens. Nach einigen Dutzend Zellteilungen, zwecks Wachstum oder Regeneration, ist das Telomer ganz abgeschnippelt, die Zelle stirbt.

In Keim- und Krebszellen hingegen wirkt ein Enzym namens Telomerase, das gekürzte Lebensfäden wieder auf volle Länge bringt. Den US-Forschern ist es gelungen, Telomerase-Gene in menschliche Augen- und Vorhautzellen zu schmuggeln. Und siehe da, in Laborkulturen starben diese nicht wie üblich nach etwa sechzig Zellteilungen. Vielmehr haben sie sich schon über hundertmal geteilt, und zwar ohne Anflug von Alterserscheinungen.

Solch biotechnische Husarenstücke regen die Phantasie von Investoren an - die Aktienkurse der kalifornischen Geron-Corporation, die Patente auf Telomerase hält, schnellten in die Höhe. Genau wie damals die Aktienkurse der schottischen Bio-Tech-Firma PPL (mit Patenten auf Klonierungsverfahren), als Dolly das Licht der Medien erblickte. Doch halt! War nicht Dollys Mutter sechs Jahre alt und damit fast ein greises Schaf? Muß da nicht der Lebensfaden an ihrem Erbgut verdammt kurz gewesen sein - und wie konnte daraus ein gesundes Lamm entstehen? Immerhin erfolgen mehr als neunzig Prozent aller Zellteilungen im Mutterleib, bis aus einem befruchteten (oder geklonten) Ei ein reifer Fötus gewachsen ist. Also kann eines der beiden Husarenstücke, das vom Klonschaf Dolly oder jenes vom Jungbrunnen Telomerase, nicht stimmen.

Denn auch die Schotten hatten eine plausibel klingende Theorie, wie die biologische Uhr abläuft: Das Erbgut werde je nach Art und Alter der Zellen von Eiweißen umhüllt. Diese Hüllen bestimmten, welche Gene abgeschaltet bleiben, ob eine Leber-, Hirn-, oder Muskelzelle entsteht. Ihnen sei es gelungen, diese Hülle zu entfernen und damit die genetische Uhr alter Zellen wieder auf Null zu stellen.

Wer also flunkert denn da?

Vielleicht sogar beide, die Kloner und die Jungbrunnenfinder. Eine zusätzliche Quelle der Übertreibung dürfte sein, daß auch Journalisten gerne kurze, einprägsame Märchen zum Besten geben. 276 Fehlschläge lassen die Schwierigkeit beim Klonen erahnen - nur wer beschreibt schon 276 Fehlschläge, und wer will all das lesen ? Ähnlich gibt es tausend Wege zu altern, durch zuviel Essen, Trinken, Sex, Infektions- oder Erbkrankheiten. Doch wer will all das wissen, wenn einer behauptet, er kenne einen Pfad zur Unsterblichkeit?