Unglaublich, aber wahr: Bis Anfang März will die Deutsche Bahn (DB) allen ihren Mitarbeitern Armbanduhren schenken, um auf diese Weise, wie es heißt, das Personal für ihre lauthals proklamierte "Pünktlichkeits-Offensive" zu sensibilisieren und zu motivieren.

Applaus, Applaus! Zeigt diese Aktion doch, daß Hartnäckigkeit stets zum Ziel führt. Man überlege nur: Da hat die DB über Jahre hinaus unermüdlich und für nicht geringes Geld eine Studie nach der anderen in Auftrag gegeben, um dem Geheimnis der Pünktlichkeit auf die Spur zu kommen. Und dann wird plötzlich zur unumstößlichen Gewißheit, was kluge Köpfe schon immer ahnten: Pünktlichkeit und Zeit stehen miteinander in Korrelation, und wer keine Uhr besitzt, hat schlechte Karten.

Ursache und Wirkung sind damit neu definiert. Denn ob ein Zug in time ist, hängt künftig nicht mehr von irgendwelchen Imponderabilien auf der Strecke ab, sondern allein davon, ob Zugführer, Stationsvorsteher oder auch der Schaffner im richtigen Augenblick auf seine Uhr schaut. Das Prinzip ist ungewöhnlich, aber nachvollziehbar. In der Praxis bleiben jedoch noch ein paar Fragen offen.

Angenommen, ein Zug lädt sich auf der Nord-Süd-Strecke von Hamburg nach München bereits bis Würzburg eine halbe Stunde Verspätung auf. Wie kann dann der zuständige Fahrdienstleiter auf dem dortigen Bahnhof mit einem Blick auf seine DB-Armbanduhr die Zeitdifferenz so mir nichts, dir nichts wieder aus der Welt schaffen?

Und was macht sein Kollege in Kassel, wenn seine Uhr zwar die richtige Zeit anzeigt, der Zug aber partout nicht in Sicht kommt? Wird es ihm nützen, wenn er sich an weitere DB-Uhren-Besitzer wendet und wenn ja, an welche?

Und was bringt die ganze Chose, wenn angesichts einer vehement voranschreitenden Verknüpfung des gesamteuropäischen Schienennetzes die Kollegen in Frankreich oder in der Schweiz auch weiterhin ohne eigene Pünktlichkeitsuhr auskommen müssen?

Je länger wir darüber nachdenken, um so stärker bedrängen uns Zweifel an dem Unternehmen. Sollte es an der Gleichung "Eigene DB-Uhr = bundesweite Pünktlichkeit" vielleicht doch einen Haken geben?