Wenn dieser Dampfer untergeht, wird man keinen Choral am Ende der Reise spielen. Das letzte, was man von dem Schiff hörte, wäre zum Beispiel eine dröhnende Samba de Janeiro. Die Passagiere würden in ihren Schwimmwesten den Bellini-Tanz aufführen, eine anspruchslose Aerobicübung, die von der Musikindustrie mit dem Sommerhit 97 geliefert und von den Passagieren an Bord mühsam einstudiert wurde. Nicht auszuschließen, daß die Crew auch in den Rettungsbooten noch ein Erlebnisprogramm aus dem Hut zaubern würde.

Die animationsfreien Zonen der Aida beschränken sich auf einen von den Passagieren ignorierten Meditationsraum und - wahrscheinlich - die Brükke. Auch Kapitän Volker Zausch muß sich zwar den offiziellen Sprachregelungen des "Clubschiffs" beugen und seine Gäste duzen. Er tut sich aber nicht leicht damit. Von allen sichtbaren Besatzungsmitgliedern scheint der alte Fahrensmann der einzige zu sein, der um die Weiterbildung zum berufsmäßigen Spaßvogel herumgekommen ist.

Kapitän Zausch, das spüren die zahlenden Landratten spätestens während der Brückenbesichtigung, haftet persönlich dafür, daß das Schiff, auf dem laut Katalog "die Träume sind", alle Eisberge umschiffen und jedem Sturm trotzen wird. Das ist eine Beruhigung in Zeiten, in denen sich Passagiere abends in ihren Kabinen von düsteren Gedanken an die Estonia oder die eben wieder auf der Kinoleinwand untergehende Titanic bedrängt fühlen könnten. Hier wird glaubwürdig demonstrierte Sicherheit zu einem beachtlichen Standortvorteil.

Erster Tag, Dominikanische Republik: Damit das Clubschiff mit dem knallroten Kußmund am Bug abends pünktlich in See stechen kann, muß erst einmal der Luftverkehr deutsche Wertarbeit leisten. Innerhalb von wenigen Minuten landen auf dem Flughafen von Santo Domingo drei Charterjets aus Frankfurt, Düsseldorf und München. Der karibische Inselstaat scheint mittlerweile auch dem Schengener Abkommen beigetreten zu sein, denn er heißt die 800 deutschen Kreuzfahrer ohne Paß- und Zollkontrolle willkommen, bevor sie durch einen Lieferanteneingang des Flughafens geschleust werden. Ein Rest staatlicher Selbstachtung bleibt immerhin erhalten: In den Bussen zum Liegeplatz der Aida symbolisiert eine eigens eingebaute Tür zwischen Fahrer und Gästen die Landesgrenze zur Dominikanischen Republik.

Pünktlich um acht Uhr verläßt die Aida die Santo Domingo. Beim Blick vom Sonnendeck, dreißig Meter über dem Wasser, schrumpfen die Hafenarbeiter, die unten auf dem Kai die Leinen loswerfen, zu Playmobil-Figuren. Ob es zur Erholung auf See beiträgt, daß den Passagieren in jedem Hafen eine Dosis "Wir hier oben, ihr da unten" verabreicht wird? Die Perspektive vom Dach eines schwimmenden Hochhauses verkleinert auch eine Millionenstadt zur Puppenstube.

Versäumt habe sie in Santo Domingo jedenfalls nichts, klärt ein Restaurantmanager eine alleinreisende Dame bei Tisch auf. Eine individuelle Stadtbesichtigung, versichert er, hätte hier bestimmt zum Desaster geführt. Betrügerische Schuhputzer, Handtaschenräuber und so weiter. Man wisse ja, wie so etwas endet. Die Lichter der Insel Hispaniola sind längst hinter dem Horizont verschwunden. Die Aida steuert mit hoher Fahrt Kurs Ostsüdost. 700 Seemeilen oder 36 Stunden bis Barbados.

Zweiter Tag, auf See: Ein stolzes Kreuzfahrtschiff kann einen vor vielen Zumutungen der Fremde bewahren, aber nicht vor allen. Nach gängigen Vorstellungen schimmert das Karibische Meer jederzeit türkisblau und ruht platt wie ein Gartenteich in sich selbst. Kataloge und Reiseführer nähren diese Vision mit schwärmerischen Wettervorberichten und Photos, die noch jeden Mitteleuropäer seesüchtig machen.