Die Rede von dem vielen Geld, das im Internet zu verdienen ist, hat viele Menschen ins Netz gebracht. Nun rätseln sie, wo es denn wohl verbuddelt und verlinkt ist. Eine amerikanische Agentur namens Cybergold Promotions hält eine Antwort auf diese Frage parat: Jeder Klick ist Goldes wert. Wer sich bei Cybergold registriert hat, bekommt für den Aufruf eines Web-Angebots einen halben oder einen ganzen Dollar - jedenfalls dann, wenn die jeweiligen Web-Anbieter mit Cybergold einen entsprechenden Vertrag geschlossen haben. Die Rechnung ist ganz einfach: Cybergold lockt Publikum auf die Web-Seiten und kassiert dafür Prämien, von denen es einen Teil an die Surfer weitergibt. Stückchen für Stückchen füllen die ihren virtuellen Geldbeutel und sind ganz glücklich, daß tatsächlich Geld im Netz zu schürfen ist.

Natürlich hat die Sache ein, zwei Haken. So kann der Beutel nur bis zu dreißig Dollar enthalten. Diese können auch nur bei den Online-Stellen ausgegeben werden, die Cybergold unterstützen. Häufig gibt es für die Cyberdollars lediglich Rabattpunkte, die beim nächsten richtigen Einkauf angerechnet werden. Der Transfer in harte, diesseitige Dollars ist nur möglich, wenn das Geld einem gemeinnützigen Zweck gespendet wird. Doch das ficht die Surfer nicht weiter an. Die von dem PR-Guru Regis McKenna und dem Werbefachmann Jay Chiat gegründete Firma Cybergold brüstet sich "phänomenaler" Zuwachsraten, ohne allerdings genaue Zahlen zu nennen.

Für Journalisten, die ja als Multiplikatoren gelten, hat sich Cybergold etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Erwähnt ein Schreiberling in seinem Artikel eine Firma mit einer Web-Adresse bei Cybergold, so erhält er für jeden Surfer, der diese Adresse besucht, einen Dollar. Um exakt zurückverfolgen zu können, woher der Tip gekommen ist, sind die Adressen personalisiert - eine für jeden Journalisten. Der Prämienzähler bleibt in diesem Fall auch nicht bei dreißig Dollar stehen, sondern kennt nach oben hin keine Grenzen. Anders als der Durchschnittssurfer kann der Multiplikator sich den Betrag auf ein richtiges Bankkonto überweisen lassen. Selten ist die Abhängigkeit des Journalismus von der Werbung so klar auf den Punkt gebracht worden.

Regt sich wegen dieser sehr direkten Form des Schmiergeldes Protest? Keineswegs. In der bekannt kritischen Berichterstattung der EDV-Branche wurde die Cybergold-Initiative sogar begrüßt. Die amerikanische Computerzeitschrift Infoworld protzte in einem Editorial damit, wieviel Geld einer ihrer Journalisten bereits nebenher zusammentragen konnte. Jeder Dollar, der auf diese Weise zusätzlich verdient werde, sei ein Beweis dafür, daß der Schreiber mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität stehe.

Die wirklich großen Firmen halten sich bei dieser offensichtlichen digitalen Zuhälterei noch zurück. Firmen wie Microsoft setzen bislang nicht auf Micropayments, sondern auf bewährtere Formen der Überzeugungsarbeit: Im vergangenen Herbst lud Bill Gates die wichtigsten Vertreter der Presse für ein verlängertes Wochenende in sein Feriendomizil ein, einfach nur zum gemütlichen Beisammensein am Kamin. Vorher mußten die Journalisten sich allerdings schriftlich verpflichten, vom Plauderstündchen über die gemeinsame Strategie (Microsoft) nichts zu berichten. Cybergold muß wohl noch viel lernen.

P. S.: Alle ZEIT-Leser, die sich nun aufmachen wollen, um bei Cybergold abzukassieren, müssen leider enttäuscht werden: Das Angebot gilt nur für nordamerikanische Internet-Teilnehmer.

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