Das etwas andere Restaurant beglückt in diesen Tagen alle Anhänger des Fast food. Um rund zwanzig Prozent hat der Bulettenbrater McDonald's den Preis für seine Hamburger gesenkt, die Frikadellen mit Käseauflage sind im Verhältnis gar noch billiger geworden. "Heute haben viele Gäste einfach weniger Geld in der Tasche", begründet die Münchner Zentrale den ungewöhnlichen Werteverfall.

Die Verbraucher können nicht nur Fleischklopse günstiger kaufen. Auch viele andere Produkte wie Autoreifen, Oberhemden und Personalcomputer sind für weniger Geld zu haben als früher. Und deshalb entdecken manche in der Bundesrepublik ein längst totgeglaubtes "Schreckgespenst" (BHF-Bank), die Deflation, wieder. Die Folgen wären gigantisch, auch wenn sich die Konsumenten zunächst einmal freuen könnten. Spätestens aber, wenn ihre Löhne sinken, wird die Katastrophe offenbar: Geld auf der Bank bringt immer weniger Zinsen, Häuslebauer kommen mit dem Schuldendienst in Verzug, und kaum eine Investition lohnt sich mehr.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) warnt schon seit längerem, daß einseitiges Kostendrücken zu Lasten der Arbeitnehmer und eine zu straffe Geldpolitik der Bundesbank die hiesige Volkswirtschaft in einen gefährlichen Abwärtsstrudel reißen. Der Druck auf die deutschen Märkte wachse, sagt DIW-Forscher Wolfgang Scheremet: "Die Asienkrise hat die Lage verschärft." Die Finanz- und Wirtschaftskrise der einst hochgelobten Tigerstaaten bereitet nicht nur Börsenspekulanten schlaflose Nächte. Daß die Währungen in Thailand, Indonesien oder Korea dramatisch abgewertet wurden, trifft etwas verzögert auch die hiesige Wirtschaft. Die südostasiatischen Krisenländer können ihre Waren nun weitaus günstiger anbieten und rund um den Globus Marktanteile zu Lasten der führenden Industrienationen erobern. Um die Billigoffensive aus Fernost abzuwehren, so argwöhnt das DIW, werde die deutsche Industrie erneut Löhne kürzen und somit die Inlandsnachfrage endgültig abwürgen - ein Teufelskreis. Schon jetzt verbucht der deutsche Einzelhandel im sechsten Jahr hintereinander reale Umsatzeinbußen.

Machte Japan also nur den Anfang? Dort sinken die Preise schon seit 1995, Banken und Investoren leiden unter einem atemberaubenden Verfall der Immobilien- und Aktienwerte. Die Konsumenten des Inselreichs geben ihr Geld nicht aus und warten lieber geduldig ab, bis alles noch billiger wird. Wenn die Asienkrise jetzt noch den Regionalriesen China zum Abwerten seiner Währung zwinge, meinte der weltbekannte Finanzhändler George Soros vergangene Woche im Gespräch mit der ZEIT, könnte die Weltwirtschaft insgesamt zusammenbrechen.

Der ehemalige US-Arbeitsminister Robert Reich behauptet sogar, der globale Schrumpfungsprozeß habe gerade erst begonnen. In seinem Untergangsszenario ist die Asienkrise nur ein Baustein: Die Arbeitsmarktprobleme in Südamerika, die Stagnation in Europa und weltweite Überkapazitäten in der Industrie addieren sich bei Reich zum Desaster. Kein Schwarzseher aber hat die internationalen Anleger so geschockt wie Alan Greenspan. Ende 1997 sprach der hochangesehene US-Notenbankpräsident erstmals von der Gefahr einer Deflation. Seine Landsleute hatten schon von einer neuen Welt geträumt, einer fortlaufend expandierenden Ökonomie ohne Inflation.

Tatsächlich wächst die amerikanische Wirtschaft seit Anfang der neunziger Jahre ohne Unterlaß - und das bei fast stabilen Preisen. Doch Greenspan erinnerte die Amerikaner jäh daran, daß der alte Traum der Wirtschaftslenker von immerwährender Stabilität schnell zum Alptraum werden könne. Den gefährlichen "Tod der Inflation" hat der britische Bankenökonom Roger Bootle bereits vor rund zwei Jahren prophezeit. Trotz seines unbestreitbaren Bucherfolges fand Bootle im Finanzestablishment kaum Resonanz. Seit den Turbulenzen in Fernost sind Deflationsthesen jedoch aktueller denn je.

"Eine neue ökonomische Mode-Debatte", urteilt Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer, der keinen Grund sieht, im Kampf gegen Inflationsgefahren nachzulassen. Den obersten Wächter über die Mark stört die allgemeine Begriffsverwirrung. Zu Recht: Wenn einzelne Güter oder Rohstoffe billiger werden, hat das mit Deflation nichts zu tun. Harte Konkurrenz oder kostensenkende Innovationen sorgen auf einzelnen Märkten immer wieder für fallende Preise. Auch ein rapider Werteschwund bei Aktien und Immobilien ist kein sicheres Indiz für eine bevorstehende Deflation. Die droht nur, wenn die Preise für Waren und Dienstleistungen auf breiter Front einbrechen.