So laut das Wehgeschrei beim Verlust eines Dackels im Regelfalle auch ist, so leise, ja unbemerkt vollzog sich das Verschwinden jenes treuen Begleiters, der die Autos der siebziger Jahre bewohnte und so lange unausgesetzt nickte, bis es Herrchen und Frauchen eines Tages zuviel wurde und sie ihn heimlich entsorgten.

Als der Wackelkopf-Plastikdackel allmählich seinen Sitzplatz auf der Hutablage räumte, ging er niemandem ab. Die Ausrottung dieser Tiergattung vollzog sich ohne Proteste und wäre wohl für immer unbemerkt geblieben, wenn nicht gerade jetzt in Berlin durch die unerwartete Rückkehr der nickenden Figürchen ihr zwischenzeitliches Verschwundensein zu Bewußtsein gebracht worden wäre.

Deutschlands Hauptstadt wird von einer wahren Dackelepidemie heimgesucht, das Ziertier gilt als hip und schräg, sein Besitz als modische Pflicht der ästhetischen Avantgarde. Was erst nur beim Trödler zu ergattern war, wird nun neu produziert, die Nachfrage steigt, das Accessoire des Underground wackelt langsam wieder dem Mainstream entgegen. Dackel, wir haben dich wieder!

Doch selbst wenn dasselbe wiederkehrt, ist es doch nicht das gleiche. Auch ein unveränderter Dackelkörper muß es sich gefallen lassen, in einem neuen Kontext Platz zu nehmen und von diesem mit neuer Bedeutung, ja mit einem neuen Geist beseelt zu werden. Beim derzeitigen zweiten Auftritt auf der Hinterbühne des Autohecks verwandelt sich der Dackel in einen Agenten seiner eigenen Recodierung. Nickend verkündet er rundum, daß sein Besitzer Prestige nicht mehr durch die Teuerkeit des Wagens, sondern durch den Erweis seiner Kompetenz zur Umwertung der Werte zu gewinnen sucht. Der Dackel im Heck bezeugt die Souveränität des Fahrers über den kulturellen Code.

Intellektuelle Wachheit, ästhetische Urteilskraft und der nötige Mut für das Ertragen eines Naheverhältnisses zu den abgeschmacktesten und ekelhaftesten aller Kulturgüter werden mittels Hündchen ausstellbar. Als Standbild verkörpert es den Sieg des ästhetischen Codes über den monetären. Im Kontext der heroisch betonten Armut junger Hauptstadtmenschen ist der Dackel hinten ein perfekter Prestigeersatz für jenen Stern vorne, welcher im Rest des Landes gilt. Nicht zufällig ereilt das kulturelle Recycling gerade jenes Accessoire, das bis jetzt als Inbegriff des Geschmacklosen galt. An ihm läßt sich die Zurückweisung aller bisherigen Regeln für das Erkennen des Häßlichen, Unterschichtigen und Veralteten mit hervorragender Leichtigkeit demonstrieren.

Weil der jungen Hauptstadt die traditionelle Souveränität fehlt, produziert sie einen neuen Typus: Souverän ist, wer das Schlimmste zum Besten erklären kann. Nach diesem Muster agieren die Berliner Helden des demonstrativ genossenen Elends. Der rückwärtsgewandte Dackel ist ihre negative Galionsfigur. Während das Auto übers holprige Pflaster rumpelt, sagt er nickend "Ja!" zur Pracht der bröckelnden Fassaden. Sein neuerlicher Einlaß in den Wagen ist eine Impfung gegen die Tristesse.

Alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen ereignen sich bekanntlich zweimal, das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce, und mit dem Dackel ist es nicht anders. Bei seinem ersten Auftritt war er eine Figur der Moderne, war als Vorläufer des Tamagotchi der erste maschinelle Ersatz fürs Haustier: ein automatisches Autotier. Der Wackeldackel war vor allem auf dem Lande beliebt, weil man dort gewohnt war, begegnende Menschen zu grüßen. Als dies mit zunehmendem Verkehr nicht mehr möglich war, benötigte man eine Grußmaschine, um den reflexhaften Impuls des Grüßens ableiten zu können. Das ungewohnt grußlose Naheverhältnis zu anderen Autofahrern wurde vom Dackelnicken als freundlich und familiär gekennzeichnet. Stoff des ersten Dackeldramas war der Abschied von den Vertrautheiten der dörflichen Immobilität.