Damit wir uns von Anfang an richtig verstehen: Ich kann ohne größeren Unfall ein Ikea-Regal zusammenschrauben. Ich habe meine Führerscheinprüfung im ersten Anlauf gemeistert. Und ich habe keinen einzigen Fall von erblichem Schwachsinn in meiner Familie. Sollten Sie im Laufe dieser Geschichte trotzdem glauben, hier wäre ein amotorischer Trottel am Werk, so liegt das nicht an mir. Sondern an einer Tatsache: Ich hatte noch nie mit einer Fliege gefischt.

Dafür kannte ich andere Formen des Angelns. Ich hatte zum Beispiel mit meinem Freund zusammen Nachtangeln gemacht. Das war, als wir bei Dunkelheit über einen See ruderten, keine Würmer am Haken hatten und französischen Landwein tranken, bis uns übel war. Wir hatten auch schon mal Hochseeangeln gemacht: Das war, als wir bei Windstärke sieben zum Dorschfischen fuhren und uns betranken, um nicht zu merken, daß uns übel war. Außerdem waren wir zwei Wochen in Schweden, um keine Hechte zu fangen. Was uns fehlte, war: keine Lachse zu fangen.

Dabei ist keine Lachse fangen relativ einfach. In Deutschland gibt es praktisch keine Lachse mehr. Und dort, wo es welche gibt, ist es verboten, eine der Methoden anzuwenden, mit der man einen fangen könnte. Statt dessen stehen überall Schilder am Ufer mit der Aufschrift: "Fly-Fishing only". Dies gilt unter Fachleuten als die teuerste, schwierigste und sicherste Methode, keine Fische zu fangen. Beherrschbar nur in streng nüchternem Zustand. Und am besten lernt man es bei einem Fliegenfischer-Lehrgang im Ausland, wo keiner zuschaut, dem man später im Leben noch mal begegnet. Deshalb hatten wir einen Kursus in Irland gebucht.

Bevor wir losfuhren, studierten wir ein paar wissenschaftliche Publikationen zu diesem Thema. Unter ihnen gibt es, grob gesagt, zwei verschiedene Schulen. Die eine hält Fliegenfischen für die westliche Variante des Zen, weil es den Charakter schult und mit aller Deutlichkeit die Sinnlosigkeit vor Augen führt, nach etwas zu streben. Für sie verhält sich Fliegenfischen zu Nachtangeln wie Mozart zu Motörhead.

Die andere Richtung betont eher die praktische Seite. Da verbringt ein Kerl die Hälfte der Zeit damit, mikroskopische Schnüre durch winzige Ösen zu fädeln und sie mit winzigen Knoten festzuziehen. Und in der restlichen Zeit steht er bis zum Kinn im eiskalten Wasser und schmeißt die teuerste Schnur der Welt in die Bäume. Dabei fallen eine Million Moskitos über ihn her, aber der Kerl steht da wie ein Denkmal, weil hektisches Wedeln die Fische vergrämen könnte. Und was tut der wahre Trockenfliegen-Buddhist, wenn er am Ende doch noch eine Forelle landet? Er läßt den Fisch laufen und bestellt sich ein Gurkensandwich.

Deshalb ist Fliegenfischen besonders unter Engländern populär, die es bekanntlich fertigbringen, sogar ein ganzes Kricketspiel anzuschauen.

Auch ich liebe es, Zeit zu verschwenden, und ging deshalb mit meinem Kumpel los, um das nötige Equipment dafür zu besorgen. Es war in einem Angelgeschäft, das weit entfernt in einem Gewerbegebiet lag und ausgestopfte Fische von der Größe eines Kanus im Schaufenster hatte. Der Verkäufer erzählte etwas von Parabolaktionen, Schußköpfen und Goldkopfnymphen, was leider nicht - wie man vermuten könnte - nackte, blondgelockte Mädchen sind. Statt dessen bekam ich ein paar Angelhaken mit ausgefransten Wollfäden am Schenkel.

Außerdem kaufte ich eine Fliegenrute, die ungefähr halb so teuer war wie ein englischer Roadster. Dafür war sie am Griff mit einem Zeug ummantelt, mit dem die Marine ihre U-Boote dämpft, so daß der Russe keine Chance hat, sie zu orten. Die Rolle bestand aus einer von diesen Legierungen, für die man ins Gefängnis kommt, wenn man sie an Ghaddafi verscherbelt. Außerdem erstand ich eine doppelverjüngte Cortland-Fliegenschnur, ein paar Vorfächer, Watstiefel, Kescher, Totschläger, jede Menge Goldnymphen und eine halbe Tonne anderes Kleinzeug. "Gott schütze Sie", sagte der Verkäufer, als wir seinen Laden verließen, und machte vier Wochen Urlaub auf den Bahamas. Erst später begriffen wir, daß sein Wunsch mehr war als eine leere Floskel. Fliegenfischen kann so gefährlich sein wie Sparringboxen gegen Mike Tyson. Doch davon später.

Wir packten also unsere Koffer, zahlten 1429 Mark für das Übergepäck und flogen nach Dublin. Dort zahlten wir 450 Pfund, weil das Zeug nicht in den gemieteten Corsa paßte. Gegen Abend erreichten wir dann mit unserem Vectra 16V das Fünfsternehotel "Ballynahinch Castle". Das war das Ziel dieser Reise.

Der Parkplatz dort war voll mit moosgrünen Range Rovern und Volvo-Kombis, und in der Eingangshalle standen ein paar weißhaarige Lords herum, die Gummistiefel anhatten, die bis zum Hintern reichten. Die brauchten sie wahrscheinlich, um durch den knietiefen Teppich zu waten. Es gab eine Bibliothek, ein Raucherzimmer und eine Bar, und in jedem der Räume brannte ein Kaminfeuer, das groß genug war, um darauf einen Ochsen zu braten. Das Personal glitt geräuschlos über die Flure, und bevor man sich überhaupt entschlossen hatte, eine Zigarette zu rauchen, hielten sie einem schon den Aschenbecher unter die Nase.

Außerdem war "Ballynahinch Castle" berühmt für den Lachsfluß, der praktisch direkt durch den Speisesaal floß. Deshalb hatte das Haus schon jede Menge Prominenz beherbergt. Eric Clapton hatte hier seinen ersten Lachs gefangen. Bobby Charlton hatte an dieser Stelle das Angeln gelernt. Und sogar der amerikanische Präsident hatte schon einmal vorbeigeschaut. Trotzdem kostete das Zimmer - inklusive Angelerlaubnis - weniger als das Übergepäck, was ziemlich günstig ist, denn in Norwegen gibt es Lachsflüsse, bei denen allein die Tageskarte 50 000 Mark kostet.

Warum beim Fliegenfischen alles so teuer ist? Ich hatte nicht die leiseste Ahnung. Aber um dies herauszufinden, waren wir schließlich hier.

Wir ließen unser Gepäck aufs Zimmer bringen und prüften die Messingwasserhähne im Mamorbad. Dann gingen wir in die Bar, wo der Kursus stattfinden sollte.

Er war bereits voll im Gange. Zumindest saßen dort fünf Gestalten um eine Tafel herum, und davor stand ein Typ, der aussah wie ein emeritierter Priester: schmale Lippen, sauber gescheiteltes Haar, und die Hände hatte er hinter dem Rücken verknotet. Mit gedämpfter Stimme dozierte er über den Nagelknoten. Auf die Menschen hatte das die gleiche Wirkung wie eine Lkw-Ladung Baldrian. Lebendig wurde es erst, als wir gezwungen wurden, seine Kunstwerke zu kopieren. Wir bekamen jeder drei Meter Schnur und brauchten im Schnitt fünf Minuten, um daraus Vogelnester zu bauen. "Interesting", murmelte der Lehrer, als er über den Goldrand seiner Brille hinweg auf die Gebilde starrte.

Danach war Abendessen, und für die Teilnehmer war das der Moment, sich den anderen vorzustellen. Da gab es Lady Ann Macaulay, deren Mann eine Lodge in der Nähe von Dublin besaß. Es gab Brian Bassett, dem eine Unternehmensberaterfirma gehörte. Seamus O'Neill war Chef einer Firma für Flugsicherheitssysteme. Und Andy und Laura Niland kamen aus San Antonio, Texas, und waren enttäuscht über die Dimensionen der Insel. "Bei uns", sagte Laura, "gehen die Straßen länger geradeaus, als ich gucken kann."

"Bei uns auch", meinte Peter O'Reilly, "bis ich mir vor drei Jahren eine Brille kaufte."

O'Reilly war unser Lehrer. Bevor er dies wurde, war er tatsächlich ein katholischer Priester. Dann aber beschloß er, daß Fliegenfischen der bessere Gottesdienst ist, und widmete sich ganz seinem Hobby. Und heute ist er eine Art Schwarzgurt in dieser Sportart. Der britische Großmeister. Ein echtes Schwergewicht, das so populär ist, daß ihn mittlerweile sogar das Volkswagenwerk in Wolfsburg sponsert. Schon die halbe königliche Familie hat bei ihm das Fischen gelernt. Und dazu ein paar Hollywood-Schauspieler, jede Menge Topmanager und die irische Nationalmannschaft im Fußball. Außerdem ist er der Autor des 176seitigen Standardwerks: "Die Fliegen Irlands". Und wie man sie unterscheidet.

Wahrscheinlich ist er sogar der größte Experte der nördlichen Hemisphäre. Dementsprechend ehrfurchtsvoll wurde er von den Teilnehmern behandelt. "Morgen lernen wir, wie man wirft", sagte er zum Ende des Dinners.

"Das wird nicht leicht", sagte die Literatur auf meinem Zimmer. Denn dabei stellt sich, vereinfacht ausgedrückt, folgende Frage: Wie kriege ich eine künstliche Fliege, die nicht viel mehr als ein halbes Gramm wiegt, vom Ufer aus in die Mitte des Flusses? Wer sich jemals mit Styroporkügelchen-Weitwurf beschäftigt hat, weiß, was das bedeutet. Dreißig Zentimeter sind in dieser Disziplin schon eine rekordverdächtige Weite. Dreißig Zentimeter breite Flüsse beherbergen aber keine rekordverdächtigen Fische. Deshalb wurde die Flugschnur entwickelt.

Weil die meisten Flugschnüre schwimmen müssen, sind sie allerdings auch nicht besonders schwer. Dafür aber sind sie ungefähr so dick wie Grashalme, und Dicke bedeutet Masse, und um Masse zu beschleunigen, braucht es Energie, und die transportiert Schnur und Fliege in die Mitte des Flusses. Wenigstens theoretisch.

Praktisch verwandelt sich die Energie dreißig Zentimeter vor den Füßen in wilde Kringel. Es war auf einer Wiese des Hotels, neben dem Personalgebäude. Dahinter war ein Tennisplatz, und davor kurvte der Hausmeister mit einem Rasentraktor durch das Gelände. Das macht er immer, wenn gerade ein Kursus beginnt. Denn neue Kurse garantieren mehr Spaß als zehn Folgen "Eine schrecklich nette Familie".

Dabei taten wir eigentlich nur, was O'Reilly von uns verlangte: Wir knüpften einen ausgefransten Wollfaden ohne Angelhaken an unsere Schnur, hoben die Rute dann auf zehn Uhr, schnippten sie zurück auf zwölf, warteten einen Augenblick und peitschten sie dann wieder nach vorn: "Langsam starten, stetig steigern und plötzlich stoppen", sagte O'Reilly. "Die Bewegung muß aussehen wie bei einem Robotor."

Wir waren aber keine Robotor. Eher waren wir Bruce Lee in "Die Krallen des Tigers": Wir wirbelten mit unseren Stöcken herum, als müßten wir eine Horde Ninjas vertreiben. Einige von uns stießen dabei Geräusche aus, die Ähnlichkeit hatten mit dem Kampfschrei der Karatekas. Aber das war auch nicht die richtige Methode, um einen Wollfaden zu schmeißen. Denn eine der Wahrheiten des Fliegenfischens ist: je größer die Kraft, desto kürzer der Wurf. Dafür sind die Kringel dann um so schöner.

Danach bewies O'Reilly, daß Fliegenfischen auch anders aussehen kann. Er zeigte die waagerechte Vorhand, die doppelhändige Rückhand, den Rollwurf, den Fallschirmwurf, den Um-drei-Ecken-genau-an-die-Schilfkante-Wurf, und dann demonstrierte er noch, wie man einen Fisch mit der Schnur in den Himmel malt. Ich demonstrierte, wie man eine doppelverjüngte Cortland 444 SL innerhalb von drei Minuten in Makramee verwandelt.

Da hielt O'Reilly die Zeit für reif, uns mit echter Munition zu versorgen. Jeder bekam einen Ballynahinch-Butcher in einer Dose, und damit rannten wir ans Wasser hinunter. Die meisten trugen jetzt Gummistiefel und olivfarbene Kleidung, und Laura aus San Antonio, Texas, hatte sich zusätzlich mit einer Sonnenbrille getarnt, so daß sie aussah wie ein appetitlicher Käfer. Es war ein warmer, sonniger Tag, und im Fluß klatschte alle paar Sekunden ein fetter Lachs auf das Wasser.

Bei klatschenden Lachsen werden kleine Ösen noch etwas kleiner. Mit zitternden Händen zurrte ich meinen Butcher fest und schleuderte ihn auf die Kreise im Wasser.

Zwei Minuten später hakte ich eine Strauchforelle. Sie kämpfte hart, war schwer zu landen und parierte jeden Zug mit einer kräftigen Volte. Nach zwanzig Minuten wußte ich: Strauchforellen fangen ist großer Sport. Und: strikt catch and release, wenn die Beute größer ist als 1,20 Meter. Was ich nicht wußte, war: Wie kriegt man einen Lachs an die Leine?

Lachsfang war die nächste Lektion unseres Kurses. O'Reilly trug nun eine gebügelte Safarihose und ein Safarihemd mit aufgestickter Forelle und versuchte, uns die Feinheiten eines Lachslebens zu erklären: wo er wohnt, wie er den Samstagabend verbringt und worüber Lachsmänner lachen, wenn sie in eine Kneipe gehen.

Eigentlich waren das Themen von hoher Brisanz, aber auf Dauer es ist dann doch ziemlich hart, sich für die Standorte der Lachse zu interessieren, wenn man die Fliege dort nur plazieren kann, indem man sie samt Rute ins Zielgebiet schleudert.

Deshalb sind meine Erinnerungen daran möglicherweise lückenhaft, aber sie seien trotzdem kurz aufgezeichnet. Denn immerhin ist der Lachs einer der rätselhaftesten Zeitgenossen unseres Planeten: Geboren wird er in den Flüssen, wo er sich von echten Fliegen ernährt, aber irgendwann hat er dann keine Lust mehr auf eingeweichte Moskitobeine und schwimmt hinunter in den Atlantik. Dort haut er sich den Bauch voll mit Shrimps und kleinen Fischen, bis er so fett ist wie ein olympischer Kugelstoßer. In diesem Moment fragt er sich, ob es im Leben nicht noch andere schöne Dinge gibt als leckere Heringskinder: Sex zum Beispiel.

Also schwimmt er wieder zurück in den Fluß, um nach geeigneten Partnern zu suchen. Die Eiligen erscheinen schon Anfang März, aber zur Sache kommen alle erst im Dezember, und deshalb wird der Fluß langsam voll wie ein Strand auf Mallorca. Da vergeht den Lachsen der Appetit, so daß sie aufhören zu fressen, weshalb es leichter ist, sie mit einem Braunkohlebagger aus dem Fluß zu schaufeln, als ihnen mit der künstlichen Fliege nachzustellen. Viele von ihnen fallen vom Fleisch, verlieren die Zähne, und auch der Magen bildet sich zurück, bis er aussieht wie eine ausgedrückte Rosine. Mit letzter Kraft schleppen sie sich ins Hochzeitsbett, und nach dem Höhepunkt verröchelt das Leben im klaren Wasser.

Möglicherweise ist dies nicht der schlechteste Tod. Aber warum paddeln diese Lachse nicht bis Weihnachten fröhlich im Meer herum, schwimmt dann kurz einen Fluß hinauf, hat ein paar Tage lang Spaß und verschwindet danach wieder in den Gezeiten? Selbst die Wissenschaft hat darauf keine Antwort.

Fest steht nur: Etliche Schlauberger machen es tatsächlich auf diese Weise. Sie kommen dann zwei- bis fünfmal wieder und sind am Ende dreißig Pfund schwer und kosten 50 000 Mark für eine Tageskarte. Weil sie aber Schlauberger sind, ist dieses Geld meistens nicht besonders klug angelegt.

Trotzdem verirrt sich manchmal ein Lachs an eine künstliche Fliege. Warum und wann er dies tut, füllt kilometerlange Bücherregale. Allein Izaak Waltons Standardwerk "The Complete Angler" von 1653 hat mittlerweile über 400 Auflagen erlebt und sich annähernd in so vielen Exemplaren verkauft wie die Dramen von Shakespeare. Weil Walton darin das Angeln mit lebenden Fröschen empfiehlt, ist es heute allerdings nicht mehr der Reißer. Dafür sind jetzt die "Fliegen Irlands" von Peter O'Reilly gefragt.

Seine Erfahrungen gipfeln in der Erkenntnis: Entweder die Sonne scheint, und eine leichte Brise fächelt durchs Gras, und die Lebensgefährtin liegt ihm Gras und blättert in einer Zeitschrift; dann segelt die künstliche Fliege zum Lachs wie eine hingepustete Daune, aber der Fisch liegt auf Grund und hat nichts im Hirn als Sex und die Lust auf eine ganz schnelle Nummer.

Oder es regnet, ein Orkan stürmt den Bach hinauf, und das Hochwasser drückt von oben dagegen. Dann kommt auch der Fisch in Bewegung, und das ist der Moment, da er sich erinnert, wieviel Spaß er früher hatte, als er noch mit seinen Kumpeln losgezogen ist, um Moskitos zu klatschen. Da beißt er dann vielleicht in eine hingepustete Daune.

Leider sind dann keine zur Stelle. Denn der Ballynahinch-Butcher neigt bei Orkan dazu, nicht beim Lachs zu landen, sondern im Auge des Anglers. Und wenn er doch aufs Wasser fällt, dann nicht federdaunenleicht, sondern eher wie eine notwassernde Cessna.

Bei O'Reilly landet der Vogel trotzdem so, daß alle Insassen applaudieren. Es war am dritten Tag unseres Kurses, und die Dämmerung brach schon herein, und das Wetter hatte sich merklich verschlechtert. Dicke Regentropfen klatschten aufs Autodach, und manchmal rüttelte eine heftige Böe an den Stoßdämpfern unseres Vectras. Wir saßen im Trockenen, hörten "It's all over now" von Van Morrison und beteten, daß sich der Weltuntergang noch um ein paar Tage verschieben möge. Der einzige, der draußen herumturnte, war Peter O'Reilly.

Nach Zen-Buddhismus und Gelassenheit sah er trotzdem nicht aus. Eher schon nach "Bulldozer walzt durchs Gelände". Er schaute nicht nach rechts und links, platschte durchs Wasser, stolperte über Steine, trampelte meine Buschforelle platt und erreichte dann eine vielversprechende Stelle. Dort machte er ein paar Trockenwürfe, bis sich drei Kilometer Angelschnur in der Luft befanden. Dann legte er die Fliege bierdeckelgenau zwischen zwei Steine. Zuerst passierte nichts. Beim zehnten Wurf aber tat es einen Schlag, und die Rute krümmte sich wie eine Turnerin auf dem Schwebebalken. O'Reilly kurbelte am Ufer mit seiner Rolle, und der Fisch kurbelte unter Wasser in die andere Richtung. So wurde zunächst ein Tauziehen daraus. Nach zwanzig Minuten aber erlahmten beim Fisch die Kräfte, und O'Reilly konnte ihn langsam ans Ufer hieven. Es war ein zehnpfündiger Milchner mit erschrockenen Augen. O'Reilly löste den Haken von seinen Lippen und drückte ihm einen Kuß auf die Nase. Dann schickte er ihn zurück zu seinen Kumpeln.

"Ohne die richtige Wurftechnik hätte ich den Burschen niemals erwischt", sagte O'Reilly. "Deshalb fangen 5 Prozent der Angler 95 Prozent der Fische."

Also standen wir am nächsten Tag schon morgens um acht auf der Wiese, um unseren Wurfstil zu perfektionieren. Manchmal gelang mir dabei ein blitzsauberer Stopp der Rute auf zwölf Uhr mittags. Ich konnte sogar meine Cortland so weit strecken, daß sie auf dem Rasen lag wie eine Eisenbahnschiene. Manchmal tupfte die Fliege auch auf den Boden, daß ich ehrfurchtsvoll vor mir selbst erstarrte. Aber immer wenn ich versuchte, alles gleichzeitig zu erledigen, sah das Produkt aus wie ein Teller Spaghetti.

Natürlich fing ich bis zum Ende des Kurses keinen einzigen Lachs. Ich kam nicht einmal in die Nähe einer Situation, in der dies vielleicht möglich gewesen wäre. Deshalb fuhr ich zum Schluß an ein nahes Forellengewässer. Im Unterschied zum Lachs haben Forellen Hunger. Nicht immer und nicht überall, aber doch so, daß es nicht gänzlich schwachsinnig scheint, sich diesem Thema einmal zu widmen.

Ich schlüpfte in meine Wathose, stellte mich in die Strömung und versuchte gar nicht erst, einen feinen Wurf aufs Wasser zu zaubern. Statt dessen zog ich zehn Meter Schnur von der Rolle und ließ sie treiben. Sie schwamm ein paarmal im Kreis, bis ein Strudel sie in die Tiefe saugte. Dann - Teufel noch mal - hakte ich einen Fisch. Er hüpfte aus dem Wasser, so daß ich vor Schreck die Angel senkte. Das war nach vier Tagen das erste Mal, daß ich etwas Richtiges tat. Danach versuchte das Tier, flußaufwärts abzuhauen. Ich folgte ihm mit parabolmäßig gespannter Rute. Plötzlich wurde das Wasser flacher. Und dann war das flache Wasser kein flaches Wasser, sondern nur ein Felsklotz, der in einer tieferen Rinne klemmte. Ich stolperte über den Rand, der Gebirgsfluß flutete durch das Unterhemd, mein Herz setzte aus, und der Kreislauf wurde in den Orbit geschossen. Anfangs bekam ich überhaupt keine Luft, weil es nicht einfach ist, sich über Wasser zu halten, wenn man gleichzeitig eine schwingungsgedämpfte Hochleistungsrute festhalten muß. Irgendwann aber spülte mich die Strömung in flacheres Wasser. Da zappelte der Fisch immer noch an der Leine. Ich kurbelte ihn energisch zu mir herüber. Es war eine Bachforelle, rotgetupft, 1,20 Meter Länge.

Okay, 0,20 Meter.

Aber es war mein erster gehakter Fisch, und er fühlte sich besser an als ein zusammengebautes Ikea-Regal. Sogar besser als eine bestandene Führerscheinprüfung.