Die Qualwahl

Helmut Kohl ist ein verläßlicher Europäer. Also soll er bleiben, was er ist: Kanzler. Aber sechzehn Jahre sind genug, und die Reformen, die überfälligen, sind nicht seine Stärke.

Also Gerhard Schröder nach Bonn, der "Innovator", der "Modernisierer"? Aber Schröder ist viel zu berechnend, als daß er berechenbar wäre. Im Nu verstaatlicht er die niedersächsische Preussag Stahl AG, nur um sie dem Zugriff eines österreichischen Käufers zu entziehen. Das ist Schröders Art, "global zu denken".

Also Oskar Lafontaine ins Kanzleramt? Aber das Land braucht einen "Ruck", und Lafontaine gibt sich derzeit lieber rückständig. Jedenfalls hat man herzlich wenig Lust auf ein Lafontaine-Deutschland des Besitz- und Stillstands. Bloß keine zweite Blockade!

Also früher oder später Wolfgang Schäuble? Aber Schäuble, der Kanzlernachfolger in spe, verfolgt bis auf weiteres eine mutige Politik vorsichtigster Andeutungen.

Also doch wieder Kohl? Der hat wider besseres Wissen versprochen, die Zahl der Arbeitslosen zu halbieren.

Also Schröder? Wie er in Hannover herrscht, darf in Bonn nicht Schule machen.

Also Lafontaine? Er hat weder sein Saarland noch seine Sozialdemokratische Partei, die ähnlich verkrustet sind, zu erneuern gewußt.

Die Qualwahl

Also Schäuble? Schäuble hält sich zurück.

Schäuble darf nicht zu laut denken. Lafontaine sagt nicht ganz, was er denkt. Schröder denkt nicht immer, was er sagt. Und Kohl macht vieles nicht, was er sagt. Auf daß immer mehr Deutsche denken und sagen: Ich weiß einfach nicht, wen ich wählen soll. Und überhaupt, die ganze Politik kann mir gestohlen bleiben.

In dieser allgemeinen Enttäuschung liegt der Grund, weshalb ein fünfter Spitzenpolitiker so beliebt ist, der in Deutschland nicht antreten wird: Der britische Premier Tony Blair hat 1997 die Wahl gewonnen, weil er dachte, was er sagte, und laut sagte, was er dachte. Nun beeindruckt er, weil er auch noch macht, was er sagt. Shocking!

Mehr und mehr Bürger fühlen sich hierzulande nicht ernst genommen. Nach all den Jahren der leeren Versprechen kann das ernüchterte Deutschland durchaus ein bißchen mehr Wahrheit verkraften, als Helmut, Gerhard, Oskar, Wolfgang und die anderen im Angebot haben. Ist es ihnen unheimlich, daß Wahrhaftigkeit, wie Blair sie verkörpert, auch in der Bundesrepublik sich lohnte?

Taktik, Taktik, Taktik: Darin sind Kohl und Schröder, Lafontaine und Schäuble Großmeister. Pech, daß die Wähler das nicht sonderlich goutieren. Frech, daß sie etwas anderes vorzögen, nämlich Parteien und Koalitionen, die ihnen klare Perspektiven eröffneten, zumal alle wissen oder ahnen, daß ungemütliche Jahre anstehen.

Doch die Schar der Super-Taktiker redet am allerwenigsten von jenem Regierungsbündnis, das am allermeisten Neuerungen und Änderungen verspricht die Große Koalition wird winzig klein geschrieben. Wie damals im alten Frankreich, als man auf Rückeroberung des Elsaß sann, lautet in Bonn die Losung: Immer daran denken, nie darüber reden. Den Politikern sieht man inzwischen ihre Hintergedanken an. Erleben wir einen virtuellen Wahlkampf, in dem das Eigentliche ausgespart wird?

Ziemlich unauffällig bleibt unter solchen Umständen die ebenfalls virtuelle "Reformpartei", die manche christ- und sozialdemokratische, liberale und grüne Neuerer umfaßt: Modernisierer aus allen Lagern, die einander viel näherstehen als ihren jeweiligen Parteifreunden von der Betonriege. Die Betonköpfe, sie möchten am liebsten wieder von links gegen den "sozialen Kahlschlag" und von rechts gegen die "roten Socken" wettern: uralte Socken und auch sonst alles Jacke wie Hose?

Die Qualwahl

Nein, diese Wahl ist zu wichtig, als daß Politiker unverfroren an den Bürgern vorbei kämpfen dürften. Den Wähler stellen sie vor eine unmögliche Wahl: Zu Beginn des Wahljahrs soll kein Platz sein für eine Debatte über Gedanken und Reformansätze, die in die Zukunft weisen. Und vorerst weckt keiner der Kanzleranwärter jenes Grundvertrauen, das in einer verunsicherten Gesellschaft Aufbruchstimmung erzeugen könnte.

Trotzdem Kohl? Oder Schröder? Oder Lafontaine? Oder Schäuble?

Nicht wenige Deutsche werden dankbar sein, wenn sich auch die Kandidaten einen "Ruck" geben und ihre Pläne vorstellen, statt sie zu vernebeln, die Schwierigkeiten und Härten ihrer Politik ansprechen, statt sie zu verschweigen, die guten Ideen aufgreifen, statt vor allem den Widersacher schlechtzumachen. Die Bürger wollen mehr als eine Bundestagswahl des kleineren Übels.