Der Mann im blauen Anzug hat viel Geduld mit der Photographin, nur die Scheinwerfer stören ihn gewaltig. Er bewegt sich kaum, sein Blick ist todernst, die Hände stecken fest in den Hosentaschen. Die Kamera klickt, und der Mann fixiert die Decke, die Lampen, das Objektiv. Er spielt das Spiel des coolen, unnahbaren Stars - doch die Beobachter in dem Hamburger Hotel wissen nicht recht, ob sie lachen dürfen oder sich fürchten sollen. Plötzlich springt der Photographierte in die Pose des Entertainers, reißt die Augen auf und wirft die Arme nach vorn, als gehe es darum, die Kamera zu umarmen. Er grinst. "So hättet ihr's wohl gern!"

Takeshi Kitano ist nach Hamburg gekommen, um über seinen neuen Film zu sprechen. In seiner Heimat Japan ist der Regisseur und Schauspieler vor allem als Entertainer und Komiker berühmt - sein Spitzname Beat Takeshi hat dort den Klang von Ruhm und Geld wie hierzulande höchstens der Name von Thomas Gottschalk. Seit sein Film "Hana-bi" bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, wird der Regisseur blutiger Gangsterfilme, der in seinen Werken meist die Hauptrolle selbst spielt, auch in Europa gefeiert. Plötzlich halten Filmfans den hierzulande fast Unbekannten für den Regisseur der Stunde - wie Quentin Tarantino mit seinem Film "Pulp Fiction" ist Kitano über Nacht berühmt geworden.

Jetzt kommt "Hana-bi" in die deutschen Kinos. Es ist Kitanos siebter Film und der erste, der überhaupt hier zu sehen ist; ihm werden zwei ältere Filme folgen, "Violent Cop" und "Sonatine". Hana-bi bedeutet Feuerwerk. Aber hana heißt auch Feuerwaffe, Tod. Und bi Blume, blühendes Leben. "Hana-bi" ist eine Explosion, eine Bewegung, die in den Tod führt. Der Film handelt von der Suche nach dem besten Weg, diese Welt zu verlassen.

Der Polizist Nishi, gespielt von Kitano, wird aus der Bahn geworfen, als er erfährt, daß seine Frau bald sterben wird. Gleichzeitig wird sein Partner von einem Gangster schwer verletzt. Nishi quittiert den Dienst, besucht den querschnittsgelähmten Freund, überfällt eine Bank, bezahlt seine Schulden bei der Yakuza, der japanischen Mafia, und geht mit seiner Frau auf eine lange letzte Reise.

Anders als die meisten Regisseure von Gangsterfilmen breitet Kitano Gewalt nicht aus, um Sensationslust zu befriedigen. Er verbirgt sie eher, indem er die Bilder immer wieder beschleunigt und verzögert und dem Film so einen eigenwilligen Rhythmus gibt: Kitanos Alptraumbilder sind eingebettet in ein Geflecht aus Alltagsszenen; Überfälle und Schlägereien wechseln mit lyrischen Reisebildern und zarter, manchmal auch brachialer Komik.

Mit dieser einzigartigen Mischung beerbt Kitano die großen Stummfilmkomiker Charlie Chaplin und Buster Keaton, die Action-Philosophen des klassischen Hollywoodkinos Sam Peckinpah und Sam Fuller und den stillen japanischen Meister Yasujiro Ozu, der bereits in den dreißiger Jahren das moderne Erzählen in fast bewegungslosen Bildern probte.

Kitanos benutzt in seinen Filmen einfache Bilder, die vom Sichtbaren weg ins Innerste der Figuren führen. Die Gangster tauschen lange Blicke, die tiefe Gefühle offenbaren. Und sie machen wenig Worte: Ein paar Minuten aus einem Film von Quentin Tarantino enthalten wahrscheinlich mehr Text als das Gesamtwerk von Takeshi Kitano. Auch seine Komik ist dem Stummfilm abgeschaut, den Königen des Slapsticks. Wie Charlie Chaplin blickt Takeshi Kitano mit Kinderaugen in die Welt. Deshalb hört Kitano es gar nicht gern, wenn jemand seine Filme Kunst nennt. "Kunst ist ein Spiel", sagt er. "Und ein Künstler ist jemand, der mit Kunst spielt."