Er war der Schrecken der Unterwelt. Mit geradezu halsbrecherischer Eleganz löste der Meisterdetektiv der Illustrierten Quick auch den vertracktesten Fall. "Oh, Nick Knatterton! Jeder Gauner bebt allein von deinem Lächeln schon", hieß es damals in einem Schlager. "Nur ein Schuß, und hundertzehn Banditen röcheln schon! Oh, Nick Knatterton! Oh, Nick Knatterton!"

Als der Zeichner Manfred Schmidt seinen Comic-Helden im Dezember 1950 zum Leben erweckte, waren die Deutschen noch ganz damit beschäftigt, sich wieder aufzurappeln. Zwischen Ruinen und Neuaufbau boten die jungen Illustrierten mit ihrem Glamour eine willkommene Ablenkung. Die in München beheimatete Quick galt als die erfolgreichste dieser heimlichen Verführerinnen. Sie lockte mit Ansprüchen auf eine bessere Zukunft: "Dem Quick-Leser gehört die Welt." Welche Welt? Die Welt der Quick war eine Traumwelt, ein exotisches Märchen von schönen Frauen und fernen Ländern.

Auch der ganz dem Geist der fünfziger Jahre verpflichtete Comic "Nick Knatterton" spielte in dieser Filmkulisse. Die Bemerkungen, die Manfred Schmidt seinem Ganovenschreck in den Mund legte, erinnerten nur unterschwellig daran, daß im Zuge der Adenauer-Ära längst nicht alles verschwunden war, was man mit dem Zusammenbruch des "Dritten Reichs" bewältigt glaubte. Vieles, was in diesen fortschrittsheischenden Nachkriegsjahren geschah, hatte seine Wurzeln in der Vergangenheit. Die Menschen waren ja noch dieselben, nur die Umstände hatten sich geändert.

In der Redaktion der 1948 gegründeten Quick trafen sich Journalisten des alten Ullstein-Verlags wieder. Manfred Schmidt hatte es vor dem Krieg bis zum Stammzeichner der renommierten Berliner Illustrirten gebracht. Auf dem Weg zum Erfolg arbeitete Schmidt für alle möglichen Ullstein-Ableger, und das nicht nur mit dem Zeichenstift, sondern auch als Verfasser von kurzen Wortbeiträgen.

Für das Verständnis von "Nick Knatterton" ist diese Vorgeschichte sehr wichtig. Im September 1935 nämlich erschien in der Grünen Post, der beliebten Landpostille des Verlags, eine vom Autor eigenhändig illustrierte Kriminalgeschichte mit dem Titel "Der Hilferuf der Maud O'Key". Held dieser Räuberpistole war ein verwegener Kerl, der es ganz allein mit einer Schar hartgesottener Gangster aufnahm. Seinen Lesern stellte Schmidt ihn vor als "den weltberühmten Chikagoer Meisterdetektiv Nick Knatterton".

Den Namen hatte er aus einer Lektüre seiner Jugendjahre abgeleitet, der Romanheftserie "Nat Pinkerton". Auch der Inhalt der turbulenten Geschichte erinnerte an den Stil der Groschenhefte. Unter Einsatz von Verkleidung und allerlei technischen Spielereien machte sich Nick Knatterton, "der König der Detektive", auf die Suche nach vermeintlichen Juwelenräubern, durchstreifte die Kanalisation, wurde von einem Wolkenkratzer geworfen und entging dem Tod nur durch einen im Rauschebart verborgenen Fallschirm. Einen ähnlichen Aktionismus kannten Leser jener Zeit aus den Abenteuerfilmen mit Harry Piel.

Der Hilferuf der Maud O'Key" war der zweifellos mißlungene Versuch eines noch mäßig erfahrenen Autors. Doch Manfred Schmidt muß von der Wirkung seiner Klamotte so angetan gewesen sein, daß er den Stoff gut zehn Jahre später noch einmal aufwärmte. Im Februar 1946 erschien in der Konstanzer Landpost "Der Schuß in den künstlichen Hinterkopf oder: Wer raubte Evelyn Beerbottle? oder: Das Geheimnis des schwarzen Fußes mit rotem Herz".