"Ich habe eine 60-Stunden-Woche", hält Matthias Pechstein dagegen, "und jenseits der Lehrtätigkeit ist dies wissenschaftliche Arbeit. Die findet am effizientesten in meinem Büro zu Hause statt." Er hat sein wöchentliches Lehrpensum von acht Stunden kompakt auf drei Tage verteilt. Der Fakultätsrat tagt mittwochs, der Senat donnerstags; das läßt sich alles organisieren. Und die Präsenz im öffentlichen Leben der Stadt? "Die Stadtväter mühen sich sehr um eine Integration der Uni", heißt die Antwort, "aber im Bewußtsein der Bevölkerung ist die Bedeutung der Viadrina noch nicht sehr ausgeprägt."

Kein Wunder, würde da Ingo Kolboom sagen. Der Westimport ist Professor an der Romanistischen Fakultät der Technischen Universität Dresden und hat sich aus Überzeugung gänzlich auf seine neue sächsische Umgebung eingestellt. Ihn stört die "mentale Bequemlichkeit der Wissenschaftler und ihrer Familien", die lieber Trennungsgeld (Miete und Reisekosten) kassieren, als sich mit der ostdeutschen Realität auseinanderzusetzen. "Die Universität sollte eine Verlagerung des Lebensmittelpunktes in angemessener Frist verlangen", fordert er. Nur so könne es zu einer Osmose zwischen Alteingesessenen und Zugereisten kommen, nur so könne das entstehen, was er ein "Wossi-Bürgertum" nennt.

Kolboom sieht allerdings auch ein grundsätzliches Problem: Die meisten neugeschaffenen Professuren sind C-3-Stellen, also nicht das Ende der Karriereleiter. Ein gediegener Westordinarius hat natürlich eine angesehenere und erheblich besser dotierte C-4-Stelle. So wird ein Posten im Osten von vielen als Duchgangsstation oder als Sprungbrett betrachtet. An der Leipziger TU sind von fünf Romanistikprofessoren vier als C 3 eingestuft, da bleibt der Blick aufmerksam auf den westlichen Stellenmarkt gerichtet. Kolboom: "Viele Professoren verwenden ihre Energie darauf, bei Berufungsverfahren im Westen präsent zu sein."

Das hat viel mit Geld zu tun. So gibt Matthias Pechstein zu bedenken: "Berufungen sind in erster Linie Anerkennung von Leistung, zum anderen aber auch die einzige Möglichkeit der Gehaltserhöhung." Auch Prestige spielt eine Rolle; in der Republik der Professoren und Doktoren sind Titel und Hierarchien nicht zu unterschätzen. Die durch herausragende Wissenschaftler geadelten Lehrstühle, von denen viele Bewerber träumen, gibt es fast nur im Westen.

Ist also das Warten auf den Rückruf wesentlicher Bestandteil der Lehrtätigkeit eines Westprofessors im Osten? "Generell kann man das nicht sagen", meint Jürgen Bolten aus Jena. Daß so mancher seiner Kollegen in den Westen zurückstrebt, hat auch er beobachtet. Mitunter tauschen gar gestandene Professoren die ostdeutsche Hochschule gegen eine westdeutsche ein und nehmen dabei eine Rückstufung in Kauf.

Auch der Mittelbau, also vor allem die Assistenten, die der Wissenschaft treu bleiben wollen, pendeln häufig. Wer sich promovieren oder habilitieren will, ist oft auf gute Bibliotheken und Archive angewiesen. In Dresden oder Frankfurt an der Oder wird er da kaum fündig. Wer etwa sieht, unter welch bescheidenen materiellen Bedingungen der Romanist Kolboom an der altehrwürdigen TU Dresden arbeitet, kann das leicht nachempfinden. Doch an Neugründungen ist die Situation anders. Nur wenige sind so zufrieden wie Matthias Pechstein: "Ich fühle mich sehr wohl an der Viadrina, auch weil ich im Westen kaum eine entsprechende materielle und personelle Ausstattung bekäme."