Ein Mann spielt Klavier. Eigentlich seine Hände, selbständige Wesen. Hurtig springen fünffingrige Tiere über die Tasten hinweg, folgen und verfolgen sich nach einem irrwitzig schnellen Plan, der nirgendwo geschrieben steht: nicht auf dem Notenbrett, wo gar nichts ist, nicht auf der glatten Stirn des Mannes, der mit verschlossenem Gesicht über den Flügel schaut, wo es nichts zu sehen gibt als eine weiße Wand und ein verschossenes Plakat. Nur hin und wieder blickt er in eine Kamera, die man nicht sieht, und spricht so nebenbei, wie seine Finger spielen. Wahrscheinlich ist sein Text ihm so geläufig wie seinen Händen ihr mechanisches Plansoll, denn er spricht über sich und seine Profession, die er nie aufgab: Wir sehen den Pianisten Erwin Bootz, den Mann am Klavier der Comedian Harmonists, und sehen ihn zum ersten Mal in Eberhard Fechners Fernsehfilm.

Nicht etwa, weil es in Joseph Vilsmaiers Kinowerk nicht einen Schauspieler gäbe, der sich redlich um die Darstellung des Erwin Bootzbemühte. Sondern weil Kai Wiesinger dort nicht Klavier spielt, sondern spät aufsteht, gerne gähnt, den Mädchen beiliegt und Karriere macht. Was man so tut, wenn man den Pianisten gibt für einen Regisseur, den ein beeindruckender Stoff von einer alten Idee neu überzeugte: Wenn die Wirklichkeit zur Legende wurde, dann nehmen wir gleich die Legende.

Das kann ein Fehler sein. Vilsmaiers immer gemütlicher, augenzwinkernder Blick rührt derzeit ein großes Publikum mit einer kleinen, schönen Geschichte: Sechs Freunde müßt ihr sein, dann reicht ihr euch am Bahnhof noch die Hände, bevor die dummen, bösen Faschisten euch auseinandertreiben. Die Arier bleiben zu Haus, die Juden gehen in die Welt hinaus, man sieht sich nie mehr wieder, und die Geschichte ist aus.

Dabei ging sie noch lange weiter. Eberhard Fechners Dokumentarfilm von 1976, den das Fernsehen gerade wiederholte, spricht von der bizarren Fortsetzung einer kollektiven Erfolgsgeschichte, von der Vereinzelung der Musiker und ihrem Kriechen, Gleiten, Humpeln und Taumeln durch die Länder und Zeiten. Von dem samtenen Baß Robert Biberti, der sich in der Waffenmeisterei hervortat, Patente für die Produktion der Raketen V1 und V2 entwickelte und als Pensionär in seiner Berliner Werkstatt noch schleifte, feilte und hämmerte. Vom ersten Tenor Ari Leschnikoff, der bis zur Bombardierung durch die Nazis als Kommandeur des Bahnhofs Sofia Ost in Rumänien lebte, sich dann als Hilfsgärtner durchschlug und sehr viel später, bettelarm, immerhin vom Friedrichstadtpalast der DDR eine Ehrenmedaille bekam. Vom zweiten Tenor Erich A. Collin, der sich in den USA als Verkäufer für Damenoberbekleidung durchschlug. Vom Bariton Roman Cycowski, dessen jüdischer Vater in Polen auf der Straße erschlagen wurde und der, zu dessen Gedenken, Kantor in Kalifornien wurde. Vom Gründer Harry Frommermann, der in der U. S. Army erst die Latrinen säuberte, bis er dort Unterhaltungskünstler werden durfte, und der nach dem Krieg als Hilfsbuchhalter und Chauffeur, Küchenmöbelverkäufer und Fließbandarbeiter ein magenkrankes Überleben fristete, bevor er, dank einer Wiedergutmachungsrente, in Bremen ein menschenwürdiges Alter hatte, bis zum Schluß einsam beschäftigt mit Tonsätzen für sechs und mehr Stimmen. Und schließlich vom Pianisten Erwin Bootz, der als solcher die Wehrmacht bei Laune hielt und nach dem Krieg als Arrangeur und Komponist eine ruhige Karriere machte.

Die Männer sprechen über sich und über die anderen, und wo es in den Fugen knarzt, weil es nicht zueinander passen will, die Selbstgerechtigkeit des einen zum Elend des anderen, die Sanftmut des einen zur Anklage des anderen, da verhakt sich das Denken mit Hören und Sehen, während die Hände des Erwin Bootz spielen und sein Gesicht ins Leere geht. Man folgt dem Film derart gebannt, als wär's gar keiner. Dabei ist es nur einer aus der Wirklichkeit.