Jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen, und dabei jeder mit jedem: Fernsehen 98 bietet die Plattform für ein flottes Wechselspiel. Christiansen neu in einer ARD-Kugel, Kerner frisch im ZDF, Beckmann (noch Sat.1) künftig in der ARD, Jauch raus aus dem ZDF, Bio immer noch im besseren Maggi-Kochstudio und auf dem stationären ARD-Boulevard, Willemsen in nachgerückter Wartestellung, Bettina Böttinger nur noch b.-betroffen im Dritten, Küppersbusch ganz draußen - so präsentieren und drehen sich auf dem besonderen Karussell öffentlich-rechtlicher Prominenz die Namen und Marken. Und immer mit besonderem Etikett im Unterfutter: Produziert wird der persönliche Schaueffekt in Eigenregie. Auf daß zumindest eines herauskomme: ein ganz privater Mehrwert. Im klassischen Marxschen Sinne: zählbar, also zahlbar.

Die Einsätze - für die auftraggebenden Anstalten jedenfalls - gehören nicht zur Kategorie Peanuts. Fünfzehn Millionen, das ist so die übliche Meßlatte des Einstiegs für die Stars. Ob die frühere "Tagesthemen"-Moderatorin, ob die Wechselspieler aus dem "ran"-Team von Sat.1, also Kerner und Beckmann: In dieser Höhe, plus/minus x, werden die Summen fixiert, mit denen eine selbstproduzierte Sendereihe zu entgelten ist. Heißt: Dafür gibt's ein Endprodukt, fix und fertig, in der Regel vierzig bis fünfzig Stück pro Jahr. Rendite, wenn der eigene Apparat geschickt bewirtschaftet wird und sich kalkulierter Gewinn (in der Regel sechs bis sieben Prozent) und pauschalierte "Handlungskosten" glücklich addieren: fünfzehn bis zwanzig Prozent, nicht selten auch mehr. So versichern es Kenner der Szenerie.

Gegenüber den Konditionen, mit denen sich Margarethe Schreinemakers über ihre Produktionsfirma Living Camera kleine Aussteuer-Ausflüge in Übersee gestattete, offerieren die Kerner & Co. ihre Auftritte immer noch im Sonderangebot. Im öffentlich-rechtlichen Kontext hingegen genießen sie ein hübsches Privileg. Keines allerdings, das nur auf reine Gegenliebe stößt. Im Gegenteil. "Privatfernsehen", wie die nun zum Jahresende eingestellte Küppersbusch-Hervorbringung hieß, das nahmen nicht wenige der Sender-Kollegen (im WDR und anderswo) als wortwörtliches Omen und damit übel. So wie anfangs den Böttinger-Sonderstatus. Privatisierung der Gewinne, Sozialisierung des Risikos: So tauften auch Gremienmitglieder jenen Typus einer besonderen Rechtskonstruktion, wonach die privat mit eigener Firma Produzierenden zwar die Rendite einstreichen durften oder dürfen, aber gleichwohl doch zurück in den öffentlich-rechtlichen Schoß können, falls die Chose schiefgeht.

Ein Verdikt, das Friedrich Küppersbusch sauer reagieren läßt, einigermaßen resigniert dazu. Gegen den Stempel "Schreinemakers mit Glatze", gegen das Vorurteil, daß der "ZAK"-Nachfolger "Privatfernsehen" für eine goldene Eigennase stehen sollte, sei wenig auszurichten: "Falsche Zahlen haben lange Beine." Tatsächlich habe seine Firma Pro Bono (Teilhaber zur Hälfte: Alfred Bioleks Produktionsfirma Pro GmbH) nur 9,5 Millionen für den effektiven Jahresausstoß eingezogen (der WDR hatte vertraglich 11 Millionen bewilligt, dazu 4,5 Millionen für weitere "Beistellungen"). Tatsächlich habe sein Moderationshonorar das vorherige WDR-Level nicht überschritten. Außerdem habe er vorher mit Bio ein "Moratorium" vereinbart: in den ersten beiden Jahren keine Gewinne aus der gemeinsamen Firma zu nehmen. Auf der kalkulierten Basis seien das rund 600 000 Mark - gerade genug, um jetzt den Laden mit fünf Festen und einem Dutzend Freien über Wassser zu halten. Sowieso, das Angebot zur Privat-Auslagerung sei vom WDR gekommen. Weil die Bordmittel für die Zeitausweitung nicht gereicht hätten, notwendige Stellenzuwächse aber politisch nicht 'drin gewesen seien. Zusatzarbeit der besten Freien wiederum hätte schon das Prognoseverfahren - Arbeitsbegrenzung als Schutz gegen Festanstellungsansprüche - verhindert.

WDR-Mitarbeiter widersprechen da nicht. Aber auch ohne den Neid von Tarifgefesselten nennen sie als Motiv der sich selbst auslagernden Eigenproduzenten in öffentlich-rechtlichen Gefilden ein schlichtes Kernwort: Marktwert. In einer Konkurrenzwelt, die allzu leicht und immer öfter auf die großen Namen setzt. Bildschirmpräsenz und -prägnanz als Garant und Marktanteil. Der direkt ausgezahlt wird: als Werbegewinn bei den Privaten; und als Imagefaktor plus Quotenaussicht für ARD und ZDF, den - idealiter Repräsentanten des medialen Gemeinwohls.

Daß die Umworbenen um ihren Wert wissen, verwundert nicht. Mancher Umstand, unter dem inzwischen die bunten Pferde antreten und laufen, schon eher. Gerade vier Wochen Bedenkzeit ließ der (jetzt Ex-)Sat.1-Mann Kerner dem ZDF, das um sein Jawort zum Wechsel buhlte. Als Mitgift für den Einstieg ins öffentlichrechtliche Bett schnürte der Sender ein richtiges Formatpaket mit vier eigenständigen Bildschirmauftritten. Neben der privatproduzierten Talk-Show beispielsweise die Moderation des "Aktuellen Sportstudios", dort gegen klassisches Honorar.

Was nun, prinzipiell und pars pro toto, im WDR-Rundfunkrat Kritiker als "Armutszeugnis" anprangern - daß eine 4000-Mitarbeiter-Anstalt nicht in der Lage sei, prägnante neue Sendungen als Eigenproduktionen auf die Beine zu stellen -, und was von Personalvertretungen als "Augenwischerei" verdammt wurde - sprich: wegen der einkalkulierten privaten Gewinne seien solche Auslagerungen zum Festpreis keine Spardosen -, das verteidigt das Führungspersonal als gebotene Zeichen der Zeit. Eine "bestimmte Teamkonstellation" für "besondere Programmfarben" (WDR-Fernsehdirektor Jörn Klamroth) müsse dem Sender grundsätzlich erlaubt sein. Zumal, und hier liegt ein weiteres Schlüsselwort, bei nicht mehr absehbarer "Bestandsdauer" von Innovationen. Klartext: Auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk pappen gerade auf neuen Sendungen schon Verfallsdaten, obgleich zunächst nur mit Geheimtinte gemalt. Küppersbusch mußte es leidvoll erfahren, Bettina Böttinger mit "b.fragt" im Ersten ebenfalls. Ein Dauerruhebett sind mithin die finanziell gutgepolsterten Privatverlagerungen nicht unbedingt. So wie der Wortspielmeister auch die Rückkehrgarantie "ausgelagerter" Mitarbeiter verteidigt: Damit könnten sie ihren neuen privaten Dienst- und Geldherren ein ausreichend kritischer Widerpart sein, eine zusätzliche Qualitätssicherung neben dem betreuenden Scharnierredakteur im Sender, der wiederum mehr sei als bloß eine formale Alibifigur.