Preußen die Führung eines kleindeutschen Nationalstaates zu übertragen Anfang 1848 hatten nur wenige Deutsche eine solche Lösung der "deutschen Frage" in Erwägung gezogen. Doch dann kam der erste große außenpolitische Konflikt des Revolutionsjahres, der Krieg um Schleswig. Dänemark hatte sich Ende März das nördliche der beiden Elbherzogtümer einverleibt, das nicht zum Deutschen Bund gehörte, aber eng mit Holstein verbunden war. Schleswig den Dänen zu überlassen war für die Deutschen aller politischen Richtungen undenkbar. Um die Annexion rückgängig zu machen, brauchte man Preußen. Es setzte seine Armee mit Erfolg ein, stimmte allerdings Ende August 1848 unter britischem und russischem Druck einem Waffenstillstandsvertrag mit Dänemark zu, den die Mehrheit der deutschen Nationalversammlung als demütigend empfand. Die Paulskirche mußte lernen, daß sie den Hohenzollernstaat nicht zu einer Politik zwingen konnte, die dieser mit seinen Interessen nicht für vereinbar hielt.

Die Alternative vom Spätsommer 1848 war klar: Hätte Preußen getan, was die Mehrheit der Frankfurter Abgeordneten wollte, wäre ein großer europäischer Krieg wahrscheinlich gewesen. Die Linke schreckte diese Aussicht weder damals noch später: Der Gedanke eines revolutionären Krieges mit dem russischen Zarenreich, dem wichtigsten Rückhalt der europäischen Reaktion, war sogar ausgesprochen populär. Der Zoologe Karl Vogt, ein bürgerlicher Demokrat, hielt in einer von der Linken stürmisch bejubelten Parlamentsrede vom 17. März 1849 den Zeitpunkt für gekommen, zusammen mit Polen und Ungarn den Entscheidungskampf zwischen West und Ost auszufechten. "Meine Herren, dieser heilige Krieg der Kultur des Westens gegen die Barbarei des Ostens, den dürfen Sie nicht herabwürdigen und vergiften durch ein Duell zwischen dem Hause Habsburg und dem Hause Hohenzollern ... Nein, meine Herren, Sie müssen entschlossen sein, diesen Krieg sein zu lassen, was er sein soll, ein Krieg der Völker."

Marx und Engels sprachen gar vom "Weltkrieg". Marx schrieb in seinem Neujahrsartikel für die Neue Rheinische Zeitung, die Revolution werde nur siegen, wenn sie die Gestalt eines europäischen, ja eines Weltkrieges annehme - eines Krieges, der mit dem Sturz der französischen Bourgeoisie beginnen und dann sowohl das kapitalistische England als auch Rußland, die Vormacht der östlichen Barbarei, ergreifen müsse. "Revolutionäre Erhebung der französischen Arbeiterklasse, Weltkrieg - das ist die Inhaltsanzeige des Jahres 1849."

Mangel an Konsequenz kann man der Linken schwerlich vorwerfen: Rußland war der erbitterte Widersacher aller liberalen, demokratischen und sozialistischen Bewegungen in Europa. Doch daß ein revolutionärer Krieg mit dem Sieg der Revolutionäre geendet hätte, ist höchst unwahrscheinlich. Vermutlich hätte sich als Ergebnis eines solchen Krieges die Reaktion in Mitteleuropa in sehr viel stärkerem Maß durchgesetzt, als das 1849/50 geschah. Vor diesem Hintergrund erscheint die Kompromißpolitik der deutschen Liberalen als durchaus plausibel. Die gemäßigten Kräfte hatten gute Gründe, nicht den Kurs der inneren und äußeren Konfrontation einzuschlagen, auf den die Radikalen drängten.

Gemessen an ihrem Doppelziel, Freiheit und Einheit für Deutschland zu erringen, ist die Revolution von 1848/49 gescheitert. Als der preußische König Friedrich Wilhelm IV. im April 1849 die deutsche Kaiserkrone ablehnte, die ihm von der Nationalversammlung angetragen worden war, besiegelte er den Fehlschlag einer Politik, zu der es keine realistische Alternative gab. Die Herausforderung, Einheit und Freiheit zur selben Zeit herzustellen, hatte sich als historische Überforderung der deutschen Liberalen erwiesen.

Die 48er sind jedoch nicht absolut, sondern nur relativ gescheitert. Am Ende des Revolutionsjahres war Preußen ein, wenn auch unvollkommener, Verfassungsstaat. Dadurch verringerte sich der politische Abstand zwischen dem Hohenzollernstaat und den konstitutionellen Mittelstaaten des "dritten Deutschland". Dies war eine der Voraussetzungen für den Erfolg jener "Revolution von oben", mit der Bismarck zwischen 1866 und 1871 die Einheitsforderung der Liberalen verwirklichte. Er tat es im Sinne der "kleindeutschen Lösung", zu der sich Teile des Liberalismus erst aufgrund der Erfahrungen von 1848 durchgerungen hatten - einer Lösung, die für Europa allemal erträglicher war als alle Spielarten von "Großdeutschland".

1948, als in Deutschland des hundertsten Jahrestages der Revolution gedacht wurde, veröffentlichte der Tübinger Historiker Rudolf Stadelmann einen Essay unter dem Titel "Deutschland und die westeuropäischen Revolutionen". Die Kernthese war ein gestochenes Paradoxon und zugleich der Kontrapunkt zu Marxens Dialektik der Rückständigkeit: "Nicht die deutsche Reaktion, sondern der deutsche Fortschritt hat Deutschland gegenüber dem Westen zurückgeworfen." Stadelmann bezog sich auf die revolutionshemmenden Wirkungen des deutschen aufgeklärten Absolutismus, den er als eine "Revolution von oben" charakterisierte. Bismarck stand nach dieser Sichtweise in einer alten deutschen und namentlich preußischen Tradition, als er den Teil der Forderungen von 1848 erfüllte, der mit den Interessen der alten Führungsschichten vereinbar war.