Kennen Sie die Weikersheimer Schloßanlage? Deutscher Barock, prächtig und ein wenig komisch. Ein Zwergenhofstaat aus Stein tummelt sich auf einer Insel im Teich vor dem Schloß, drinnen geht es kunterbunt zu mit Wandmalereien bis unter die Kassettendecke im Rittersaal, zu dem die Herren über eine spezielle Rampe auch mit dem Pferd hinaufreiten konnten. Ich kannte es nicht, war entzückt und ließ mich belehren, daß ich mich im Hohenloher Land befände. Diese außergewöhnlich hübsche Landschaft zwischen Heilbronn und Rothenburg hat nicht nur viele Apfelbäume, sondern auch ein einmaliges Gasthaus. Ich behaupte: eines der besten Deutschlands. Der Gasthof "Zum Hirschen" in Blaufelden hat einen Michelinstern, verdiente aber einen zweiten und wäre immer noch nicht überbewertet. Denn Manfred Kurz, der Patron des Hauses, kocht mit geradezu irritierender Sicherheit. Er hat einen kulinarischen Instinkt, der ihn davor bewahrt, in Fallen zu rennen, in denen so viele seiner Kollegen zappeln, die ihren kreativen Überdruck nicht zu bändigen wissen.

Nichts davon bei diesem Küchenchef. Auf den Millimeter genau nimmt er alle gefährlichen Kurven, von denen es beim Kochen nur so wimmelt. Verblüffend dabei ist, daß man seinen Stil als "normal" bezeichnen muß. Dabei ist nichts schwieriger, als dem Delikaten den Anschein des Alltäglichen zu geben. Manfred Kurz kann es und demonstriert es täglich.

Und was bekommt der Gast bei ihm zu essen? Eine Linsenterrine mit Räucheraal. Flußkrebse im Dillsud. Kutteln vom Kalb. Eine Hirnsuppe. Schellfisch mit Senfsauce, Zander auf Weinkraut. Scheinbare Allerweltsgerichte, aber alles Delikatessen, von denen man noch nach Tagen träumt. Er kauft fast nur naturbelassene Produkte bei den Bauern der Umgebung, deren Adressen auf seiner Speisekarte verzeichnet sind. Das hat unter anderem dazu geführt, daß seine Gäste bei ihm mehr Rindfleisch essen als vor der BSE-Zeit!

Eine zweite Überraschung sind die Gästezimmer, geschmackvoll modern möbliert und sehr komfortabel mit einem Hauch von Luxus. Zu dem gastronomischen Aufwand kontrastieren die Preise wohltuend. Ein regionales Menü gibt es schon für 45 Mark, und viele Weine werden glasweise ausgeschenkt. "Zum Hirschen", Hauptstraße 15, 74572 Blaufelden, Telephon: 07953/10 41, Fax 10 43. Sonntag abends im Winter und montags geschlossen. 12 Zimmer, 88 bis 296 DM.

Ein bißchen nördlich davon, über Rothenburg hinaus, liegt das Städtchen Sommerhausen am Main. Etwas weniger Mittelalter als ob der Tauber, aber mindestens so viele Gasthäuser. Eines davon verdient eine Empfehlung, hat sogar einen Stern im Guide Michelin, das "Restaurant von Dungern": nur zwei altmodische Suiten mit dicken Plumeaus auf den Betten und vier Tische in der kleinen Gaststube. In der Küche arbeitet der Hausherr praktisch allein, Frau von Dungern besorgt den Service. Da das Restaurant nur an vier Abenden geöffnet ist, nämlich von Mittwoch bis Samstag, gibt es beim Personal keine Zusammenbrüche, schlimmstenfalls warten die Gäste zwischen den einzelnen Gängen etwas lange. Aber in diesem Haus herrscht Disziplin, und so muckt niemand auf, zumal das Essen ausgezeichnet ist. Nicht einmalig, nicht unvergeßlich. Aber doch - wie sooft in Kleinbetrieben, wo alles in der Hand einer einzigen Person liegt - sehr persönlich geprägt. Es existiert jedoch eine Schwelle zur Brillanz, die nicht überschritten wird. Deshalb haben die Rotweinsaucen zuwenig Säure, ist das kleine Gemüse al dente, was halbroh bedeutet und nur bei Hartgrießnudeln angebracht ist. Durch die kleine Karte und die gemütliche Enge des Zimmers besitzt diese Minigastronomie die Eigenschaften einer Table d'hôte, das heißt, die wenigen Gäste essen mehr oder weniger das gleiche. Ein Menü für 90 Mark und eine Handvoll Gerichte à la carte, mehr nicht. Von geradezu barocker Üppigkeit ist hingegen das leckere Frühstück mit den unzähligen, hausgemachten Bestandteilen, dessen Umfang mir für drei volle Tage reichen würde. Wieder eine Art kulinarisches Biotop in touristischer Gegend, bei dem man allerdings nicht wie bei Manfred Kurz an einen zusätzlichen zweiten Stern denkt. Beide Adressen besitzen jedoch Qualitäten jenseits des Alltäglichen (höchstes Niveau dort, persönliche Intimität hier), die sie aus der Masse unserer Gastronomie herausragen lassen. "Restaurant von Dungern", 97286 Sommerhausen, Hauptstraße 12, Telephon und Fax: 09333/14 06. Sonntags bis dienstags geschlossen, 2 Zimmer à 300 DM, inklusive Frühstück.