Es war ein schwarzer Tag für die literarische Kultur, der 14. Januar, an dem von "Brüssel" die Buchpreisbindung ins Rutschen gebracht wurde. Oder? Die Welt wird schon nicht untergehen, das Gutenbergzeitalter wird nicht zu Grabe getragen, die Verblödung nimmt nicht überhand. Man kann sogar einen Kasus daraus machen, gerade jetzt nicht in das fast obligate apokalyptische Gebarme zu verfallen, das die Katastrophe nicht aufhält, sondern herbeizitiert, sondern statt dessen lieber zu retten zu versuchen, was zu retten ist. Also kein schwarzer Tag, nur ein grauer.

Apokalyptischer Alarm wäre natürlich vergnüglicher zu lesen. Schon das Wort "Buchpreisbindung" läßt das Herz niedriger schlagen. Aber gerade jetzt käme es darauf an, sich ein paar dieser prosaischen Sachverhalte zu vergegenwärtigen. Nicht alles, was die Apokalyptiker an die Wand malen, müßte unbedingt eintreten. Aber bestimmte Folgen einer Aufhebung der Preisbindung, die jetzt konkreter droht denn je, sind nur zu klar abzusehen.

Was also ist geschehen? Nach mehrjähriger Prüfung der Materie ermächtigten die Kommissare der Europäischen Kommission die Wettbewerbsdirektion, ein förmliches Verfahren über die Rechtmäßigkeit der grenzüberschreitenden Preisbindung zwischen Deutschland und Österreich zu eröffnen. Jetzt werden dem deutschen und österreichischen Buchhandel "Beschwerdebriefe" zugestellt, dann hat er zwei Monate, darauf zu antworten, dann (also wohl im nächsten Sommer) trifft die Kommission die endgültige Entscheidung. Da Karel van Miert, der für Wettbewerbsfragen zuständige Kommissar, sich als entschiedener Gegner jeder Preisbindung geoutet hat und von den Gegenargumenten offenbar wenig beeindruckt war, ist eine negative Entscheidung zu erwarten. Dann wird der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Sache vor den Europäischen Gerichtshof tragen; dieses Verfahren würde drei bis fünf Jahre dauern. So lange wird sich am Status quo nichts ändern.

Es hätte auch schlimmer kommen können. Bis vor wenigen Wochen war van Miert entschlossen, auch die nationalen Buchpreisbindungen in Frage zu stellen. Die Mehrheit der anderen Kommissare ist ihm darin nicht gefolgt, die nationalen Preisbindungen wackeln derzeit also nicht. (In der EU haben nur Schweden, Belgien, Finnland und Großbritannien keine Preisbindung für Bücher; Portugal hat sie voriges Jahr eingeführt, Griechenland führt sie gerade ein.) Es hätte auch der provisorische Rechtsschutz, unter dem die deutsch-österreichische Preisbindung seit 1993 praktiziert werden durfte, auf der Stelle aufgehoben werden können; dann wäre sie wahrscheinlich sofort zusammengebrochen, und der weitere Instanzenweg wäre angesichts der Macht der Tatsachen gleichgültig geworden. Auch das war nicht der Fall.

Warum aber überhaupt die ganze Aufregung, wenn doch nur die grenzüberschreitende Buchpreisbindung zwischen Deutschland und Österreich in Frage steht? Darum. Die 1887 zum Schutz gegen ruinöse Schleuderei eingeführte Preisbindung beruht auf keinem Gesetz, sondern ist ein vom Kartellgesetz abgesegneter zivilrechtlicher Vertrag zwischen Hersteller und Handel: Der Buchhandel im ganzen deutschen Sprachraum verpflichtet sich in einem "Sammelrevers", ein Buch nur zu dem vom Verlag festgesetzten Ladenpreis zu verkaufen; hält sich ein Händler nicht daran, so wird er nicht mehr beliefert. Der Anteil der in Deutschland verkauften österreichischen Bücher ist gering; in Österreich machen die Bücher deutscher Provenienz aber siebzig Prozent aus. Wäre der Sammelrevers für diese deutschen Bücher ungültig, so könnten die österreichischen Buchhändler deren Ladenpreise nach eigenem Ermessen festsetzen. Gäbe es für siebzig Prozent aller Bücher keine festen Preise mehr, so fiele die gesamte österreichische Preisbindung zusammen. In einem Europa der offenen Grenzen hätte das Rückwirkungen auf die nationale deutsche Preisbindung - nicht, weil sich dann riesige deutsche Käuferströme auf Butterfahrt nach Österreich in Bewegung setzten, sondern weil diskontierte deutsche Bücher dann nach Deutschland reimportiert würden. Es wäre dann nur eine Frage der Zeit, bis auch die Preisbindung in Deutschland kippt.

Der einzige vergleichbare europäische Fall von Belang, der zwischen Frankreich (mit Preisbindung) und Belgien (ohne), ist eben kein Beweis, daß es auch ohne grenzüberschreitende Preisbindung geht. Da die französische Preisbindung auf einem Gesetz beruht, gälte für etwaige Reimporte französischer Bücher sofort wieder der feste Ladenpreis; darum wären sie wirtschaftlich völlig witzlos.

Die Preisbindung zu Fall zu bringen: genau dies ist die Absicht der österreichischen Medienladenkette Libro, die auch einige Verkaufsstellen in Deutschland unterhält und das jetzige europäische Verfahren in Gang gebracht hat. Sie hält die Preisbindung für ein marktwidriges Relikt aus gemütlicheren Zeiten und findet, dem ganzen Buchwesen würde ein Preiswettbewerb auf der letzten Handelsstufe nur guttun, denn er würde endlich etwas Leben in die verschnarchte Bude bringen. Diesen Deregulationsenthusiasmus scheint sich die Europäische Kommission nun offenbar zu eigen zu machen.