Man kann Joe Inman manches nachsagen, aber nicht, daß er beim Eiskunstlaufen jemals die Fassung verloren hätte. Schließlich ist er Preisrichter. Seine Ansprüche sind so groß wie seine Liebe zu diesem Sport.

Mit der strengen Leidenschaftlichkeit derer, die beurteilen müssen, was sie lieben, es aber nicht selbst tun können, hat er niemals die Idealnote 6,0 vergeben.

An diesem Januarnachmittag wertet Joe Inman als Preisrichter Nummer zwei den Wettbewerb der Damen bei den amerikanischen Meisterschaften in Philadelphia.

Die siebzehnjährige Michelle Kwan läuft zu einem Klavierstück von Rachmaninow. Als sie etwa zur Hälfte durch ihr zweieinhalb Minuten langes Kurzprogramm gekommen ist, spürt Joe Inman, wie ihm vor Begeisterung rechts und links die Tränen über die Wangen laufen.

Doch da ist kein Raum für das maßlose Erstaunen des Preisrichters, seine Verlegenheit. Erst als Michelle Kwans Vortrag zu Ende ist, die Noten an der Anzeigetafel in der Eishalle aufflammen, begreift Joe Inman, daß er auf seinem kleinen Wertungscomputer soeben die 6,0 gedrückt hat. Mit ihm sechs andere der insgesamt neun Preisrichter.

Vor der Kür zwei Tage später hat Inman sich wieder erholt. "Noch einmal gebe ich keine Sechs", sagt er, "darauf könnt ihr Gift nehmen." Diesmal läuft Michelle Kwan zur Musik von "Lyra Angelica" von William Alwyn.

Nicht ganz zwei der vier Kürminuten sind vorbei, die Sprungkombination dreifacher Lutz/doppelter Toeloop ist gestanden, der dreifache Rittberger ...