Musik rauscht auf. Mädchen, Männer stellen sich zusammen, breiten die Arme aus, heben das Tanzbein, beginnen zu fliegen. Schon ist alles aus. Musik erstirbt. Licht erlischt. Im Dunkel des riesigen Saales eines Hotels, einer Tanzschule irren bewegungswillige, lebenslustige Leute wie Schiffbrüchige umher.

Endlich ein Feuerzeug. Jemand klettert auf einen der häßlichen Stühle, fingert am Sicherungskasten. Die schwachen Glühbirnen erwachen flackernd zum Leben. Schleppend, quietschend beginnt der Plattenspieler sein Nachtwerk, krächzt herzerweichende Melodien: "Blaue Augen", "So ist Lissabon" und, immer richtig, "Quero e mano quero" ("Ich will und will nicht"). So ist Joachim Schlömers neues Tanzstück, uraufgeführt am Theater Basel, unter dem Titel "Lissabon-Projekt": Immer soll es losgehen - der Tanz, das Leben -, nie wird was draus.

Wo alle Welt noch einmal mit Schwarzen und Weißen Schwänen schwärmt, sich beim Beine-Spreizen von Giselle und Sylvia und anderen Prinzessinnen aus dem Alltag träumt, besteht ein junger Choreograph auf der Wirklichkeit des Lebens, 1998, in Europa. Natürlich sehen die befrackten Pinguine unserer Politiker gern junge, schöne Menschen sich anmutig bewegen aber am andern Morgen, in der Fraktions-Sitzung, hebt sich die Hand, um - noch einmal - eine Tanzgruppe aufzulösen. Daß die meisten Tänzer(innen) stundenlang massiert und präpariert werden mußten, um das sportlichkünstlerische Hochleistungsprogramm eines Tanzabends überhaupt durchzustehen, und in einem Alter, da andere gerade ihr erstes Kind erwarten, zu Pflegefällen werden: dafür interessiert sich niemand mehr. Gnadenlos werden Ballett-Ensembles und Gruppen des Tanztheaters im vereinten Deutschland weggespart.

Davon erzählt Schlömers Stück. Dafür haben ihn die Basler ausgebuht. Dabei hätten sie sehen können: einen Tanz-Abend, der nicht nur zum Schauen einlädt, sondern auch zum Mitdenken, was inzwischen bei allen Theatern nötig wird. Wie soll es weitergehen? Immer mehr Geld für immer weniger Tänzer? Schlömers Bild für dieses (dieses vielleicht dem Untergang geweihte) Europa der Tanz-Kultur: das alte Portugal. Ein Weltreich, jetzt Armenhaus des Kontinents. Von fern her wehen Klänge alter Lieder, die Michael von Hintzenstern und Hans Tutschke komponiert haben, an alte Weisen erinnernd ("Das Theater in der Nacht", "Ich küsse deine Hand").

Dazu öffnet sich ein Totenhaus des Tanzes. Frank Leimbach, der für Schlömer schon viele prachtvoll-rätselhafte Räume geschaffen hat, muß sich auf drei riesig hintereinandergestaffelte Szenen beschränken. Räume alter Pracht. Ein Weltreich vergangener Größe. Nun ein muffiger, mit rotem Vorhang verschlossener Amüsier-Tempel mit abblätternden blauen Fliesen. Dort hängt, zu hoch für die Erben, ein alle(s) erschlagender Spiegel. Wenn ein Freund gut drauf ist, stemmt er die Partnerin, so daß sie wenigstens die Stirnlocke in Ordnung bringen kann.

Schlimme Augenblicke einer radikalen Choreographie: Wir bekommen uns, selbst im Spiegel, nicht mehr in den Blick. Kein Abbild mehr einer nur noch aus lauter Fremden bestehenden Welt. Altportugal: ein schöner, trauriger Witz.

Europa: ein Märchen aus uralter Zeit.