Seit Innensenator Jörg Schönbohm vor zwei Jahren nach Berlin kam, schaut er mit Verwunderung auf die Sitten und Gebräuche dieser Stadt. Gelegentlich läßt er auch einmal erkennen, was er davon hält. Jetzt bot sich ihm Anlaß zu der Feststellung, er wolle "sich in Berlin nicht verwursten lassen".

CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky hatte einem Journalisten anvertraut, daß Schönbohm stellvertretender Landesvorsitzender werden solle. Der Kandidat las dies in der Zeitung und staunte, denn niemand hatte mit ihm darüber gesprochen. Aber die Absicht war klar: Würde Schönbohm sich als Stellvertreter nominieren lassen, dann könnte er dem Parteivorsitzenden Eberhard Diepgen, den etliche Parteifreunde auf sein Bürgermeisteramt beschränken wollen, nicht mehr gefährlich werden. Schönbohms Kommentar: "Ich habe mir in Berlin abgewöhnt, über Stil zu sprechen."

Stil ist das eine Berliner Problem, Effizienz das andere, und beides hängt miteinander zusammen. Was die Politiker in der Hauptstadt derzeit anpacken, geht schief. Im ersten Anlauf klappt jedenfalls rein gar nichts, keine Bezirksreform, kein Privatisierungsvorhaben, kein Kampfhundegesetz, keine Stadionsanierung, kein Zukunftsfonds - Gewürge als politisches Prinzip. Ein Beispiel ist auch die Intendantenwahl beim SFB.

Bei der ersten Intendantenwahl im letzten Jahr gab es zwei Kandidaten. Den einen hat die CDU durch Indiskretionen in die Verzweiflung getrieben und ihm dann hinterhergerufen, wer das bißchen Mobbing nicht aushalte, sei sowieso ungeeignet. Daß jemand sich zu schade ist für würdelose Spielchen, das zählt hier nicht. Der übriggebliebene Kandidat wurde dann aus Daffke von den Sozialdemokraten nicht gewählt.

Für den zweiten Anlauf haben sich nun - fast - alle gesellschaftlichen Kräfte auf einen Idealkandidaten geeinigt: ARD-Programmdirektor Günter Struve, gewesener Senatssprecher und Kulturstaatssekretär in Berlin. Die Sozialdemokraten können mit ihm leben, weil er mal in der SPD war, und die Christdemokraten, weil er nicht mehr drin ist. Aber wie das in Berlin so ist: Schon wird an dem Stuhl gesägt, auf dem Struve noch gar nicht sitzt.

Nicht nur der ARD-Vorsitzende Udo Reiter legt sich quer und will Struve nicht aus seinem Vertrag entlassen denn Reiter mag den SFB nicht, schon gar nicht mit einem starken Intendanten - und das wäre Struve zweifellos. Auch im SFB-Rundfunkrat gibt es Leute, die aus Prinzip niemanden wählen, der das Wohlwollen von Berlins schwarzem Riesen Landowsky hat. Also hat Struve einen netten Abschiedsbrief geschrieben, der eigentlich eindeutig ist, aber immerhin ein winziges Hintertürchen läßt, denn wollen würde er schon mögen.

Nun ist Hektik hinter den Kulissen.