Brigitta Lorenz will im Frühjahr eine Lehre abschließen, die es eigentlich noch gar nicht gibt. Mit dem Zeugnis wird sie daher den Abschluß einer Bürokauffrau mit Zusatzausbildung bescheinigt bekommen. Doch die 24jährige kennt sich nicht nur in Fragen der Buchhaltung aus. Nach drei Jahren Ausbildung bei der Kölner Filmproduktionsfirma Gemini weiß sie auch, wie man Kino- und Fernsehfilme produziert.

Kürzlich wachte sie darüber, daß ein Dutzend neuer Folgen der RTL-Serie "Das Amt" ohne Pannen hergestellt werden konnte ein andermal hat sie einen Streifen über den Musiker Marius Müller-Westernhagen mit auf den Weg in die Kinos gebracht. Ob es um Marketingfragen geht, Honorare für ein Kamerateam abzurechnen sind oder ein Drehbuch kopiert werden muß - gerade im Metier der Kreativen sind Menschen mit nüchternem Blick fürs Organisatorische gefragt.

Die Lücke im alten System ist schon lange bekannt

Das klassische System der Berufsausbildung sah so etwas bisher nicht vor - erst in diesem Jahr soll es dafür unter dem Titel "Kaufmann/Kauffrau für audiovisuelle Medien" eine bundesweit gültige Regelung geben. Die rheinische Medienwirtschaft hatte die Lücke im System jedoch bereits 1994 erkannt. Daher konzipierte sie mit der örtlichen Industrie- und Handelskammer (IHK) einen eigenen Ausbildungsgang, der die klassische Lehre für Bürokaufleute mit einer Zusatzausbildung für Medienproduktion verbindet. Nach nunmehr vier Jahren wird dieses Modell als regulärer Ausbildungsberuf anerkannt.

Das Beispiel spricht - je nach Blickwinkel - entweder für die Flexibilität oder, im Gegenteil, für die Starrheit des dualen Ausbildungssystems, das Berufsschulunterricht und Betrieb verzahnt. Einerseits ist es geradezu sensationell, wie rasch hier ein völlig neues Berufsbild die zahlreichen Gremien passieren konnte. Bis sich die Fachleute von Arbeitgebern, Gewerkschaften, Bundes- und Länderministerien und Lehrerverbänden auf zeitgemäßere Regeln für den Beruf des Bankkaufmanns einigen konnten, gingen mehr als zehn Jahre ins Land. Andererseits war die Realität auch im Fall der Medienwirtschaft offenbar wieder einmal schneller. Dabei zeigt sich hier nur ein Trend, der immer größere Bereiche der Wirtschaft erfaßt: Die tatsächlichen Aufgabenfelder in der Berufswelt verändern sich immer rascher und lassen sich nicht mehr auf die gleiche Weise normieren wie einst. Rudolf Tillmann von der IHK Düsseldorf sagt: "Die alte Trennung von kaufmännischen und technischen Berufen läßt sich nicht aufrechterhalten." Gerade die Struktur der Berufsschule trage dem jedoch noch kaum Rechnung.

In Düsseldorf waren es die Telephongesellschaften: Mannesmann Mobilfunk & Co.

wollte gerne Nachwuchskräfte zu Telekommunikationskaufleuten ausbilden. Doch auch für sie sieht das duale System bis dato keine passende Ausbildung vor.