Es ist genau fünfzig Jahre her: Am 30. Januar 1948, einem frostigen Morgen in Delhi, hatte sich Mohandas Karamchand Gandhi aufgemacht, um zu einer unruhigen Menschenmenge zu sprechen. Draußen im Lande, ein halbes Jahr nach der Unabhängigkeit Indiens, die er mit seiner Taktik des gewaltlosen Widerstands erkämpft hatte, schlachteten sich Hindus und Muslime millionenfach ab. Gandhi wollte Frieden stiften, über sein lebenslanges Leitmotiv sprechen: Harmonie, Toleranz, Liebe, Gleichheit aller Menschen und Religionen - da stürzte aus der Menge plötzlich ein junger Mann hervor, beugte sich zu den Füßen des alten Mannes nieder, zog dann einen Revolver und feuerte drei Schüsse ab. Gandhi brach tot zusammen. Der Attentäter, Nathuram Godse, Mitglied der rechtsextremen Hindu-Organisation RSS, brüstete sich, er habe Rache genommen, weil Gandhi die Sache der Hindus verraten und die Muslime bevorzugt habe.

Fünfzig Jahre später schickt sich ebenjene Partei an, die Wahlen im Februar/März zu gewinnen, in deren Reihen Godse wie ein Held verehrt wird. So weit ist es mit Indien gekommen. Oder genauer: So fremd ist Gandhi seinem Land geblieben. Denn die BJP, die Bharatiya Janata Party, ist nichts anderes als eine der vielen Frontorganisationen, deren Ideologie in krassem Widerspruch zu den Überzeugungen Gandhis steht. Gründungsguru Savarkar hatte seiner Hindu-Bruderschaft schon in den zwanziger Jahren eingeimpft, daß sie, die Arier, die Herrenrasse Indiens seien. Darum: "Hinduisiert alle Politik und militarisiert das Hindutum." Und: "Der wahre indische Patriot hat zwei Feinde: den Muslim und die säkulare Regierung." Das ist, bis heute, der Glaubenssatz. Uma Bharati, die oberste Volksverhetzerin der BJP, spricht aus, was viele ihrer Kollegen denken: "Muslime sind wie die Shudras, dreckige, beschmutzte Leute. Wenn einer frech wird, dann muß er eben getötet werden."

Die Shudras sind die niedrigste Kaste im indischen Kastensystem. Über 500 Millionen Menschen gehören ihr an, die Mehrheit der Bevölkerung.

Im verwinkelten Altstadtviertel von Amritsar, gleich am Durgiana-Tempel, der das bescheidene Gegenstück der Hindus zum Goldenen Tempel der Sikhs ist, steht ein unauffälliges Haus. Eine steile Treppe führt hinauf zu den fensterlosen Räumen des ersten Stocks. Dreimal in bestimmtem Rhythmus an die Tür gepocht, dann öffnet sie sich. Fahnenappell um kurz vor sechs. Vor einem Schiwa-Bild brennt ein Öllicht. Schiwa ist der gewaltigste Hindu-Gott, aber auch der gewalttätigste. Zwei Dutzend junge Männer haben sich versammelt, die einen in Khaki, die Kader, die anderen in Lumpen, die Arbeitslosen.

Eintätowiert tragen sie das Zeichen "Om", das Emblem ihres Gottes. Und auf der Brust, in mattem Messing, die Nachbildung von Schiwas Dreizack.

"Ich bin ein großer Bewunderer von Ihrem Hitler"

"750 Millionen Hindus sind in ihrem eigenen Land zu einer Minderheit geworden, zu Sklaven der Muslime und der anderen Minderheiten. Jetzt ist es Zeit für die Hindu-Revolution", betet einer der Zerlumpten die offizielle Propaganda nach. "Schluß damit, daß sie sich alles nehmen und für uns nichts mehr übrigbleibt", stößt ein anderer in dasselbe Horn. In dieser Morgenandacht der Shiv Sena, ebenfalls eine Frontorganisation der RSS, wird die Gemeinde auf Vordermann gebracht. Deren Chef Bal Thackeray, ein äußerst kultivierter Mann mit so guten Manieren wie selten in Indien, lebt in Bombay und regiert "per Knopfdruck", wie er behauptet, Indiens wichtigsten Industriestaat Maharashtra. "Madam", sagt er, "Indien braucht eine Diktatur.