Bundeskanzler Helmut Kohl will - so zum Mai der Euro beschlossen ist - mit dessen künftiger Stabilität Wahlkampf machen: "Stabilität ist immer gut, und ich bin der Kanzler der Stabilität." Allerdings: Es wird schwer werden, die Mehrheit der Deutschen zu überzeugen, daß ausgerechnet Kohl, der ihnen in "einer Art Staatsstreich die Deutsche Mark genommen" hat - so der Anti-Euro-Kläger Wilhelm Hankel -, der geborene Hüter der Stabilität sei.

Ohnehin: Selbst wenn man jeden Stein am überschaubaren Wirtschaftspfad Europas zweimal umdreht - man wird keinen Wurm mit Namen Inflation finden, vor dem uns der Kanzler schützen müßte. Es sei denn, man hätte ein solches Weichtier zuvor hingelegt, um von der verpuppten Deflation abzulenken, die unter den Steinen zu schlüpfen beginnt.

Mangels kritischer Masse ist die Inflation kein Thema mehr

Nun hat kein Geringerer als der amerikanische Notenbankpräsident Alan Greenspan - ein unbestrittener Stabilitätsfalke - die Deflationsdebatte nach Frankfurt am Main getragen. In einem Vortrag Anfang November hat Greenspan das "D-Wort" aus der Schublade geholt, wo es seit der Weltwirtschaftskrise lag. Er kritisierte das Inflationsmeßsystem der Europäer, das wegen Erhebungsfehlern und unzureichender Berücksichtigung von Qualitätsverbesserungen zu falscher, nämlich zu restriktiver Geldpolitik führen könne. Und das sei problematisch, "wenn, wie gegenwärtig, eine Debatte darüber entstanden ist, ob sich unsere Volkswirtschaften in Richtung Deflation der Preise bewegen".

Hierzulande wurde Greenspans Mahnung wenig beachtet dankenswerterweise veröffentlichte die Bundesbank seine Rede im Wortlaut. Die konservative Financial Times, die seit Beginn der Asienkrise vor Deflationsgefahren warnt, zitierte Greenspan mit der Botschaft: "Die Inflation ist so niedrig geworden, daß die Verantwortlichen darüber nachdenken müssen, an welchem Punkt effektive Preisstabilität erreicht ist." Klarer kann ein Notenbankpräsident nicht sagen, daß Inflation mangels kritischer Masse kein Thema ist.

Greenspan ortet die deflationäre Gefahr vor allem in den gesamtwirtschaftlichen Folgen des Preisverfalls von Aktien und Immobilien in Japan. Er fürchtet ein Überschwappen über die globalen Finanzmärkte auf die amerikanische Wirtschaft.

Nun mag man argumentieren, in Deutschland gebe es nicht so viele private Aktionäre wie in den Vereinigten Staaten, der deutsche Immobilienmarkt sei nicht überhitzt, die privaten Haushalte seien nicht so hoch verschuldet wie in den USA, deshalb sei eine derart verursachte Deflation in diesem Land ausgeschlossen. Allerdings muß man wissen, daß - so der Präsident der EU-Kommission Jacques Santer - europäische Banken ein Kreditvolumen von 650 Milliarden Mark in Asien vergeben haben, mehr als Japan und die Vereinigten Staaten. Der bankennahe Platow-Informationsdienst schreibt: "Die deutsche Kreditwirtschaft hat weit über hundert Milliarden Mark im Feuer." Um die Dimension dessen, was "im Feuer" ist, zu verdeutlichen: Die privaten Haushalte in Deutschland sparen jährlich rund 260 Milliarden Mark. Weit mehr als 100 Milliarden sind also keine Kleinigkeit.