Wie werden den Münchner Kulturpolitikern vor Stolz die Wangen glühen, wenn der amerikanische Dirigent James Levine in dieser Woche seine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt hat, der ihn in knapp zwei Jahren zum Chef der Münchner Philharmoniker macht. Ein neuer Megastar an der Isar, so werbewirksam wie das Oktoberfest und der FC Bayern. Und weil der Stardirigent Lorin Maazel schon seit Jahren beim Bayerischen Rundfunk wirkt und im Sommer auch noch Zubin Mehta Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper wird, hat der Münchner Kulturreferent Siegfried Hummel schon mal das neue Maß der Dinge verkündet: München, sagt er, werde nun die Musikstadt Nummer eins sein in der Welt. Obwohl die Umstände der triumphalen Berufung Levines in Wirklichkeit eher zum Modellfall für die beklemmende Orientierungslosigkeit in der kommunalen Kulturpolitik taugen.

Die Öffentlichkeit hatte nicht schlecht gestaunt, als sie, während überall die Kulturetats dramatisch schwinden, von den Modalitäten dieses big deal erfuhr: Levine wird 1,94 Millionen Mark brutto pro Jahr verdienen. Neben einem Grundgehalt von 500 000 Mark erhält er für jedes der 24 vereinbarten Konzerte eine Abendgage von 60 000 Mark. Keine zweite Kommune in Deutschland gibt solche Summen für einen Orchesterchef aus. Eine neue Windung in der immer absurderen Preisspirale der horrenden Künstlergagen, die nach wie vor vom Prestigestreben der großen Städte in Gang gehalten wird. Zum Vergleich: Claudio Abbado erhält als Chef der Berliner Philharmoniker neben einem geringeren Grundgehalt nur 25 000 Mark pro Abend. Münchner Großmannssucht.

Und während Levines Vorgänger, Sergiu Celibidache, sein Orchester ausschließlich dirigiert hat, kann der Amerikaner sein neues Engagement locker angehen. Er bleibt weiterhin Chef an der Met. München wird für ihn womöglich nur ein lukrativer Zweitjob.

Aber die Kulturpolitiker hatten sowieso keine inhaltlichen Positionen formuliert für die Besetzung dieses teuersten aller städtischen Posten. Als ließe sich nicht auch beim Thema Musik konkret über Künstlerprofile, dramaturgische Konzepte und ästhetische Visionen diskutieren. In München verlegte man sich ganz aufs Taktieren und geriet unter den Druck der Philharmoniker, die auf wundersame Weise nach dem ersten und einzigen Auftritt Levines an ihrem Pult nur noch diesen wollten und keinen anderen mehr. Am Schluß jagten sich dann Pannen und Peinlichkeiten: Die plötzlich an Levine zweifelnde SPD-Stadtratsfraktion schlug vor, den Star erst mal für eine zweijährige Probezeit zu verpflichten. Noch mehr Empörung lösten öffentlich kolportierte Gerüchte aus, Levine habe zweifelhafte sexuelle Vorlieben, und es wurde über Rufmord und Päderastieverdächtigungen diskutiert statt über Kunst. So geriet die Levine-Abstimmung im Stadtrat am Ende zur Ehrenrettung eines öffentlich Diffamierten. Auf so blamable Weise ist bisher noch kein Dirigent ans Chefpult eines renommierten Orchesters gebeten worden.

Und nun wird also ausgerechnet der konservative, dem Kommerz nie abgeneigte Luxusmusiker Levine, der mit den drei Tenören durch die Fußballstadien der Welt tingelte, in München Galionsfigur einer Kulturpolitik, in der Rot-Grün das Sagen hat. Man hat die Demontage der Oper in Frankfurt noch gut in Erinnerung, die ebenfalls von einer rotgrünen Mehrheit betrieben wurde, und ahnt: Die banausische Zerstörung hochambitionierter künstlerischer Arbeit durch Sparwut dort und der hilflose Kniefall vor dem teuren Superstartum hier zeigen womöglich zwei Seiten der gleichen Medaille - eines tief gestörten Verhältnisses der rotgrünen Politiker zur sogenannten Hochkultur. Wirre Entscheidungen in Frankfurt wie in München. Ist das linke Kulturpolitik?