Frankfurt am Main

Wenige Wochen vor den Feiern zum Paulskirchenparlament von 1848 und vielleicht angeregt vom subversiven Jubiläumsflair, hat nun in der Stadt, allerdings ganz unbemerkt von der nationalen Öffentlichkeit, eine echte Revolution stattgefunden. Da Revolutionen in Deutschland unblutig zu verlaufen pflegen, haben weder Kanonenschüsse noch Trommelwirbel den umstürzlerischen Akt begleitet. Die historische Bedeutung der Aktion kann dennoch nicht hoch genug eingeschätzt werden: In Frankfurt am Main wurde das Hauptpostamt geschleift.

Eine alte und lange Geschichte, die 1724 mit der Bestimmung Frankfurts als Sitz der Postverwaltung durch Kaiser Karl VI. begonnen und mit dem Bau des Palais der Reichspostmeister Thurn und Taxis an der Großen Eschenheimer Straße einen glanzvollen Höhepunkt erreicht hatte, fand ein glanzloses Ende.

Die Türen des gewaltigen Hauptpostamts, das 1955 an der Stelle der im Zweiten Weltkrieg zerstörten einstigen Luxusherberge "Grand H'tel de Russie" erbaut worden war, sind seit Dezember versperrt. Gottverlassen hängt der Postadler an der Fassade.

Die Deutsche Telekom, einstmals mit der Post schwesterlich verbunden, hatte als Eigentümerin der Liegenschaft an der Zeil der Deutschen Post die Miete so drastisch erhöht, daß diese wie eine verarmte kinderreiche Familie zum Auszug gezwungen war. Dies verkündet jedenfalls die Deutsche Post auf Plakaten, die sie an die Türen ihres langjährigen Domizils kleben ließ. Frisch privatisiert und schon in die Armut getrieben! Damit die Post nicht ganz auf der Straße sitzen, frieren, betteln oder gar russische Musik machen muß, hat ihr Hertie privat einstweilen Unterschlupf gewährt, und zwar, um seiner Kundschaft den jammervollen Anblick zu ersparen, in einem Verschlag hinter einem Nebeneingang in einer Seitenstraße. Dort drängen sich nun brave Frankfurterinnen und Frankfurter, den bedürftigen Hinterbliebenen ihrer geliebten Hauptpost ein paar Almosen zu bringen. Sehr viel mehr läßt sich dort, schon aus Platzmangel, auch nicht erledigen.

Sollte jemand in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt am Main gar auf die wunderliche Idee kommen, ein Paket aufzugeben, so kann er das nicht mehr in der City tun: Er muß nun irgendwo im Schmuddelrevier hinter dem Hauptbahnhof die entsprechenden Paketschalter suchen. Wer in der Hauptpost ein Schließfach besaß, muß die Innenstadt in anderer Richtung durchqueren, das Messegelände betreten und sich dort zur schließfachverwaltenden Messepost durchfragen. Sich über diese Wege zu beklagen erscheint jedoch nicht ratsam, da es als Symptom beunruhigender BRD-Nostalgie gedeutet werden könnte: Der Geist der neuen Zeit verlangt, neben gutem Schuhwerk, den frischen Blick nach vorn.