Patrick Roth erwähnt in seiner Erzählung eine in den fünfziger Jahren in den USA gebräuchliche Redensart Verliebter: "She sends me" (später von "She turns me on" gefolgt). Man muß dies auf sein Verhältnis zu Chaplin zurückbeugen. Chaplin sends him: Er schickt ihn nicht nur ins Reich der Gefühle, er schickt ihn in die Welt. Chaplin ist der Absender von Patrick Roth. Am Ende des Textes hat Roth tatsächlich einen Brief von Chaplin in der Hand, und am Ende des Buchs ist dieser Brief auch abgebildet: ein Photo und eine Unterschrift. Mehr nicht. Doch der Leser ist auf eine solch intime Weise angerührt, wie es kein noch so rationales literarisches Kalkül mit Lebensstoff, Medien und Zeichen allein hervorbringen kann. Wie kommt das?

Am Anfang liegt der Fünfjährige fieberkrank im Bett und darf Kurzfilme von Chaplin sehen, "weil es ihm sicher gut tut". Was er sieht, ist noch nah an seinen Fieberträumen. Später hält er die Kratzer auf den Filmen für Effekte der schnellen, aufgekratzten Filmfigur, für Spuren des wirbelnden Strolchs.

Und CHAP, das ist das Geräusch, "das ein Zweig macht, wenn man ihn in fliegendem Lauf mit raschem Schwertstreich abschlug: CHAP"! "CHAP-lin jedenfalls bedeutete uns soviel wie kleiner Streich oder Kleiner, der Streiche macht." Was für Streiche? Streiche, die Spuren hinterlassen. Im Zelluloid eben. Und die Botschaft des Strolchs ist allen Kindern klar: "Ja, schaut her! Her zu mir! Wie ich die Kurve kratze! Beißt euch durch!

Hinterlaßt Spuren!" Immer schnell, hakenschlagend, immer fluchtbereit. Im Kindergarten weiß jemand, Charlie Chaplin habe die Autobahnen gebaut. Wer denn sonst!

Die Erzählung beginnt mit einem irren Tempo. Kindheit und Filmkratzer Pubertät und Geraldine Chaplin und die Schöne vom Pausenhof der junge Erwachsene und die erste Reise nach Los Angeles (wo Patrick Roth seit zweiundzwanzig Jahren lebt): Eine Anglistikprofessorin sucht Antragspapiere für ein USA-Studium hinter einer Tür mit dem Filmposter eines Tramps. Welcher Film ist das, in dem er auf der Quai-Treppe sitzt bei Nacht, in der Hand eine Blume? Ein Jahr später Vorführung des Films in Los Angeles, im Kino namens Encore. Es ist "City Lights". Der Film entstand nur wenige Meilen entfernt.

Anschließend fährt man vor Chaplins ehemaligem Studio auf und ab, dann zum Summit Drive, wo der Meister, bevor er ins Exil gedrängt wurde, lange gewohnt hatte.

Der deutsche Anglistikstudent studiert längst nur noch Film und macht selber welche. Als er, nun zweiundzwanzig Jahre alt, Urlaub zu Hause macht, beschließt er, Chaplin zu besuchen. Es ist der erste Januar 1976. Chaplin lebt in der Schweiz, bei Vevey. Roth schreibt ihm einen langen Brief, schreibt, was ihm "City Lights" bedeutet, "shell of all emotions", will ihn persönlich abgeben.