Paris

In Bombay stand am letzten Wochenende die Wahl zur Miss India auf dem Programm, und außerdem war Cindy Crawford zu Besuch. "Sie, Herr Präsident", sagte der indische Gastgeber zu Jacques Chirac, "sind aber selbstverständlich die Nummer eins!"

Das ist ein Satz, den der französische Staatspräsident zu Hause nur noch selten hört. Denn seit der vorgezogenen Parlamentswahl vom Juni 1997 haben sich die Gewichte in Frankreich auf unvorhergesehene Weise verschoben.

Staatspräsident und Premierminister stehen sich wie ebenbürtig gegenüber, ganz im Gegensatz zur Tradition der vergangenen vierzig Jahre. "Der Gaullist Chirac", so schrieb die linke Zeitschrift Les temps modernes, "ist der Totengräber der gaullistischen Republik."

Jacques Chirac, so lautet das allgemeine Urteil, habe eine unsägliche Dummheit begangen, als er die Parlamentsauflösung beschloß. Angesichts günstiger Meinungsumfragen sei er leichtfertig mit den Instrumenten umgegangen, die die Verfassung ihm in die Hand gibt. Er habe eine bequeme Mehrheit der Konservativen hingegeben, zur Strafe einen ihm ergebenen Premierminister gegen eine unbequeme Linkskoalition unter dem Sozialisten Lionel Jospin eingetauscht und sich selbst in eine Kohabitation mit dem politischen Gegner hineingezwungen. Fünf lange Jahre, bis 2002, kann diese Konstellation dauern, denn so lange laufen die Mandate des Staatspräsidenten und der Nationalversammlung. Die Verfassung von 1958 hat sich auch in dieser Lage als erstaunlich elastisch erwiesen das Wesen der Fünften Republik aber wird sich, wenn die Dinge denn fünf Jahre lang halten, durch diese Praxis nachhaltig wandeln.

Es gibt, so zeigen schon die ersten Monate, keine domaine réservé - weder die Außen- noch die Verteidigungspolitik unterstehen derzeit, wie die Verfassungsrechtler noch in den beiden kurzen Kohabitationen der Präsidentschaft Mitterrand gemeint haben, primär dem Präsidenten. Die Auflösung der Nationalversammlung und das Wahlergebnis haben Chirac über Nacht bloßgestellt als einen Präsidenten mit arg begrenztem Spielraum für eigenes Handeln.

Die Bürger nehmen ihm das nicht wirklich übel. Von ihnen waren nach dem Wahldebakel keine Rücktrittsforderungen zu hören. Es sind auch keine außergewöhnlichen Langweilsbekundungen meßbar, wenn der Staatspräsident sich im Fernsehen zeigt, was er immer noch gerne tut - obwohl er dieses Instrument doch so schlecht beherrscht. Kaum ein Politiker wirkt dermaßen gekünstelt vor einer Kamera wie Chirac. Dennoch, die Franzosen mögen ihren Präsidenten gern, wie alle Meinungsumfragen zeigen, und sie haben auch nichts gegen die Kohabitation, diese große Koalition mit anderen Mitteln, im Gegenteil.