Ein paar Monate erst ist es her, da war der Finanzminister ziemlich schlechter Dinge. Ständig neue Haushaltslöcher und Häme nicht nur aus den Reihen der Opposition. Aber nun ist die Welt wieder in Ordnung: Nicht nur bleibt die Nettokreditaufnahme 1997 weit hinter den düsteren Erwartungen zurück, sondern ganz unverhofft hat Theo Waigel noch eine zusätzliche Milliarde aufgetan: 976 Millionen Mark Tabaksteuer waren durch einen Buchungsfehler abhanden gekommen. Jetzt sind sie wieder da. Fängt gut an, das Jahr.

Schon verblaßt in den Reihen der Koalition die Erinnerung an die vielen Standortrisiken der saturierten Bundesrepublik. "Wir haben die technologische Wende für Deutschland geschafft", verkündet statt dessen Zukunftsminister Jürgen Rüttgers. Auf dem Weltmarkt für forschungsintensive Güter liegt die Bundesrepublik nur noch knapp, ganz knapp, hinter Japan und den USA. Ob bei der Bio-, Umwelt- oder Solartechnik, bei Multimedia oder der Erschließung neuer Dienstleistungsmärkte, überall trauen die Experten plötzlich "diesem Land wissenschaftliche und technologische Höchstleistungen zu". Mit der neuen 300-mm-Wafer-Fabrik, Sie wissen schon!, entsteht in Deutschland ein Kompetenzzentrum "wie im Silicon Valley". Und von den Triaden-Patenten - dieser Name verrät doch schon alles - kommen 190 "auf eine Million Beschäftigte", 180 in Japan und 140 in den USA. Der Minister schwärmt. Nur wir (und vielleicht noch Hans-Olaf Henkel) werden sie ein wenig vermissen, die gute, alte Standortdebatte.

Aber nicht alles wird umgeschminkt für den Wahlkampf. Rot und Grün beispielsweise präsentieren sich altgewohnt. Na ja, bei solchen Umfragen, die Wahl praktisch schon gewonnen, braucht keiner ein Blatt vor den Mund zu nehmen. "Leute, die nicht in der Lage sind, ordentliche Vereinbarungen zu treffen", sagt Grünen-Sprecher Jürgen Trittin über die Sozialdemokraten, "dürfen nicht auf Entgegenkommen hoffen." Trittin ist verärgert darüber, daß die SPD starke Wahlkreiskandidaten gegen aussichtsreiche Grüne setzt.

"Vielleicht hassen sie uns sogar", mutmaßte Trittin gegenüber der Woche über seinen Wunsch-Koalitionspartner SPD. Das kann ja heiter werden nach der gewonnenen Wahl. Aber wer glaubt schon an Umfragen?