Ein mißvergnügter C. P. Snow, der mit dem Donnerwort der zwei Kulturen seinen Ärger über die Kontaktschwäche zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern im Senior Common Room eines englischen College Luft machte, träumte von einer dritten Kultur, in der diese Schwäche behoben wäre.

John Brockman glaubt, diese Kultur entdeckt zu haben. Sie fällt ein wenig dürftig aus, vielleicht auch darum, weil Brockman, wie jeder ordentliche Entdecker, allein sein will und die Nähe zu Snow scheut. Dieser habe nach einem versöhnlichen Dialog zwischen literarischen Intellektuellen und Naturwissenschaftlern Ausschau gehalten er selbst habe die dritte Kultur auf der Seite selbstbewußter Naturwissenschaftler mit ausgeprägten Neigungen, sich öffentlich verständlich zu machen, gefunden. Für die Geisteswissenschaftler wird es damit eng. Brockman übernimmt die Snowsche Karikatur des geisteswissenschaftlichen Verstandes - während der naturwissenschaftliche die Zukunft im Blut und die Welt in der Hand hat, gibt sich der geisteswissenschaftliche Verstand mit sich selbst und der Vergangenheit zufrieden. Geisteswissenschaftler sind für ihn Glasperlenspieler in einem Wolkenkuckucksheim ihr Verstand ist nicht von dieser Welt und daher ungeeignet, die wirkliche Welt auch nur wahrzunehmen.

Soweit das dürftige Klischee des geisteswissenschaftlichen Verstandes. Nicht anders sieht es auf der anderen Seite aus. Brockman läßt alles aufmarschieren, was in den Naturwissenschaften Rang und Namen hat, einige Philosophen mit empirischen Neigungen freundlich hinzugenommen, notiert einige allgemeine Erkenntnisse über das Wesen der Wissenschaft und das Unwesen geisteswissenschaftlicher Intellektueller und preist die neue, oder nicht doch auch ältere? - Haekkel, Ostwald, Heisenberg und andere lassen grüßen -, Neigung des naturwissenschaftlichen Verstandes, tiefe Gedanken leserfreundlich auszudrücken. Zugleich wird der Eindruck erweckt, alle wesentlichen Fragen ließen sich auf diese Weise erledigen. Irgendwelcher besonderer Kompetenzen auf der anderen Kulturseite bedarf es offenbar nicht.

Sollte Brockman nicht doch die wirkliche Welt und das Maß ihrer Probleme, ferner die Vielfalt erforderlicher Kompetenzen, mit diesen Problemen umzugehen, unterschätzt haben? Und sollte er wirklich übersehen, daß seine Kultur in Leuten wie Platon, Kant und Goethe schon lebendig war? Zu befürchten ist, daß zur dritten Kultur gehört, wer von den Großen, vornehmlich aus der naturwissenschaftlichen Ecke, Brockman ein Interview gewährt. Entdecker in Wonderland.

Nun ist wahrhaftig nichts gegen Snows Traum von veränderten Umgangsformen zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern und Brockmans Vorliebe für wirklichkeitsnahe Wissenschaft einzuwenden. Die Analyse ist ja richtig. Über den Zwängen zur Spezialisierung und der institutionellen Atomisierung von Fächern und Disziplinen haben sich die Wissenschaften auseinandergelebt.

Kokette Bekenntnisse, nichts von der Arbeit selbst des unmittelbaren wissenschaftlichen Nachbarn zu verstehen, nehmen überhand. Eine neue Einsamkeit macht sich breit. Dabei tun uns die Probleme dieser Welt, deren Lösung auch die Wissenschaften dienen sollten - als Beispiele seien Umwelt, Energie und Gesundheit genannt -, schon lange nicht mehr den Gefallen, sich selbst fachlich oder disziplinär zu definieren. Da ist selbst Interdisziplinarität, die vielgepriesene, zu wenig, die in der Regel nur Kooperation auf Zeit und mit halbem Herzen bedeutet. Transdisziplinarität, die ihre Probleme disziplinenunabhängig definiert und disziplinenübergreifend löst, tut not - in der Forschung und wohl auch in vielen Teilen der universitären Lehre. Zugleich muß sich diese Transdisziplinarität verständlich machen, gegenüber dem wissenschaftlichen und dem nichtwissenschaftlichen Verstand. Daß hier die Naturwissenschaftler weiter sind als die Geisteswissenschaftler, sei dabei Brockman gerne zugestanden.

Doch dessen Beschreibung der dritten Kultur, die alles anders zu machen beginnt, ist höchst unbefriedigend. Denn was soll es heißen, daß es in dieser Kultur keinen Kanon zulässiger Theorien gibt? Dies pfeifen die wissenschaftstheoretischen Spatzen seit Thomas Kuhns Analyse wissenschaftlicher Revolutionen von allen Dächern. Was soll es heißen, daß sich naturwissenschaftliche Forschung an den Grenzen des Wissens bewegt? Das tut gute Forschung immer. Und was soll es heißen, daß nunmehr so großartige Fragen wie die nach der Herkunft des Universums, des Lebens und des Bewußtseins die Forschung bestimmen? Derartige Fragen sind schon bei den vorsokratischen Philosophen und Wissenschaftlern nachzulesen sie sind zugleich der Cantus firmus aller neuzeitlichen Philosophen und Wissenschaftler. Die zählen allerdings nicht zu Brockmans Freunden.