Jerusalem

Dunkle sowjetische Limousinen tauchten an jenem kalten Win- tertag in Potsdam auf und bremsten auf der eisigen Straße vor der Glienicker Brücke. Die schweren Türen sprangen auf, und ein in Moskau verurteilter "Spion" mit Pelzmütze stieg aus. In diesem Augenblick blitzten die Kameras auf der anderen Seite der Brücke. Natan Scharansky begann seinen Marsch aus dem Gulag in die Freiheit. Mit dieser Szene wurde der heutige Industrie- und Handelsminister Israels der Öffentlichkeit bekannt.

1995, fast zehn Jahre nach jener spektakulären Austauschaktion, gründete Natan Scharansky, den es nach Israel zog, dort eine russische Einwandererpartei. Der Erfolg stellte sich schneller ein, als er dachte. Bei den vergangenen Parlamentswahlen erlangte "Israel Ba'aliya" überraschend sieben Sitze. Der Rücktritt von Außenminister David Levy hat Scharansky zu einer Schlüsselfigur in der israelischen Politik gemacht: Mit den Stimmen seiner Abgeordneten steht und fällt Benjamin Netanjahus fragile Regierungskoalition. Scharansky ist ein Minister mit Zukunft: Die Russen stellen mit 850 000 Einwanderern seit 1989 die größte ethnische Gruppe im Land.

Über die abenteuerliche Vergangenheit des ehemaligen jüdischen Dissidenten sind bereits Bücher geschrieben worden. Seine heutigen Ansichten aber sind - wie das politische Denken der russischen Einwanderer insgesamt - vielen immer noch ein Rätsel. Vor den Wahlen 1996 wollte sich Scharansky auf keine bestimmte Koalition festlegen. Er sei für alle Optionen offen, hieß es.

Natan Scharansky, eineinhalb Meter groß und mit blankem Kopf, empfängt die Besucherin in seinem Jerusalemer Ministerbüro. Auf Äußerlichkeiten legt er keinen großen Wert, wichtiger sind ihm Inhalte.

Man befinde sich in einer neuen zionistischen Phase, erklärt er. Dabei gehe es längst nicht mehr darum, einen "einheitlichen Juden" zu schaffen. Das alte Konzept eines melting pot, eines Schmelztiegels, der eine neue, einheitliche israelische Identität schafft, ist in seinen Augen überholt. "Den Israeli gibt es nicht", betont Scharansky. Vielmehr gebe es Juden russischer, deutscher, marokkanischer und äthiopischer Herkunft, die in dieser Vielseitigkeit das heutige Israel konstituierten.

Scharanskys Denken ist auch in anderen Bereichen von seiner Ablehnung des in der Sowjetunion leidvoll erfahrenen Zentralismus geprägt. Als Industrie- und Handelsminister wirkt er wie ein Thatcherist, der für unbegrenzte Privatisierung und Liberalisierung eintritt. Und was den Friedensprozeß betrifft, "fühlen wir russischen Einwanderer uns zwar weniger der Idee von Groß-Israel verpflichtet, doch mißtrauen wir totalitären Regimen mit Sicherheit mehr als die meisten Israelis". Kürzlich erst schrieb Scharansky in einem Zeitungsartikel, daß der neue Nahe Osten nicht ohne Demokratisierung der arabischen Regierungen denkbar sei. Auf die Verhandlungen mit Damaskus bezogen, bedeute das: "Das Ausmaß unseres Abzugs von den Golanhöhen sollte dem Grad der Offenheit in der syrischen Gesellschaft entsprechen."