Berlin

Wir parken am Majakowskiring, nahe der Gegend, in der Monika Maron ihre Kindheit verbracht hatte. "Da hat Wilhelm Pieck gewohnt." Sie deutet auf eine Villa. Dort also hat das Kind Monika dem Präsidenten an seinem Geburtstag eigene Gedichte vorgetragen, selbstgebastelte, erste schriftstellerische Übungen.

Ein Stück weiter wohnten die Ulbrichts und dort, ganz in der Nähe, die Grotewohls. Damals war die Gegend hier Tabu, hier durfte nur hin, wer einen Passierschein besaß, zumindest so lange, bis die Regierenden nach Wandlitz umgezogen waren.

Die Straßen wirken unbelebt. Nur einmal begegnen wir einem einsamen Spaziergänger mit Schäferhund. Es ist ein regnerischer Wintertag. Monika ganz in Schwarz, ihre Frisur genauso wie früher, wie ihre Geste, mit der sie den Pony aus der Stirn zwirbelt. Ihre Herkunft ist ein bißchen kompliziert. 1941 wurde sie geboren, unehelich, weil der Vater, Soldat in der Wehrmacht, die Mutter (wegen jüdischer Vorfahren) nicht heiraten durfte. Als er 1949 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, war Monikas Mutter mit Karl Maron liiert. Ein Stiefvater, mit dem Monika nicht zurechtkam. Karl Maron wird später Innenminister der DDR. Tochter Monika sitzt mit den Eltern oben auf der Tribüne, als unten das Volk vorbeizieht. Selbstverständlich engagiert sie sich in der FDJ, später auch in der SED. Am meisten, meint sie heute, habe sie aber die Zeit in Neukölln geprägt, wo sie ihre ersten zehn Lebensjahre verbracht hatte. Dort, in West-Berlin, ist sie der einzige Junge Pionier in der Klasse. "Da lernst du, daß du ganz allein anders sein kannst als alle andern. Vielleicht lernt man so, etwas alleine durchzustehen."

Als sie mit der Mutter nach Ost-Berlin zieht, kann sie nicht verstehen, warum nicht alle so glücklich sind wie sie, Junge Pioniere zu sein und Kommunisten, gute Menschen also. Ob sie ihren Stiefvater von Anfang an nicht gemocht habe, frage ich. "Ich habe mich lange um ihn bemüht er hat mich nicht gemocht", antwortet sie. "Ein Glück, stell dir vor, er hätte mich gemocht! Das wäre ja noch schlimmer geworden. Er war autoritär und ich demokratisch in einem Rudel von Frauen aufgewachsen."

Das verführt sie zu einem kurzen Extempore: "Wenn Frauen gut sind, sind sie stärker als Männer. DDR-Frauen sind unbeschädigter in die Vereinigung gegangen als Männer. Die haben Kinder bekommen, pflegten soziale Kontakte untereinander. Männer brauchen Bestätigung von außen. Männer sind viel gebrochener."

Die Zurückweisung hat sie ihrem Stiefvater nie verziehen. Als man sie vor zwei Jahren wegen ihrer Stasi-Kontakte in den siebziger Jahren angriff, sagte sie, diese Zusammenarbeit sei vielleicht auch die "schadenfrohe Besetzung des väterlichen Raums" gewesen. Auch ihr Buch "Stille Zeile 6" ist im Grunde eine Abrechnung mit ihm. Wie aufs Stichwort biegen wir in die Stille Straße ein.