Sainte-Beuve wird zu einer Zeit geboren, da als Folge der französischen Revolution das Dix-huitième, das Zeitalter des untergehenden Absolutismus und der Aufklärung, noch in das 19. Jahrhundert hineinragt er stirbt in den letzten Jahren des Zweiten Kaiserreiches, dessen Vergeltung provozierender Untergang bereits den Ersten Weltkrieg und damit die Schrecken des 20.

Jahrhunderts vorausahnen läßt. Beinahe ist er, Sainte-Beuve, unser Zeitgenosse. Er versteht, warum das Ancien Régime fallen mußte, aber er bleibt skeptisch gegenüber dem neuen und fügt sich nur widerstrebend und wie ein Fremder in die Moderne. Er ist weder reaktionär noch progressiv, von Nostalgie ebenso frei wie von einer Verklärung der Gegenwart er schwankt beständig - und darum hält er sich ...

Sainte-Beuve sehnte sich dabei stets mehr nach früheren Haltungen als nach untergegangenen Epochen. Epochen kehren nicht wieder, aber vorbildhafte Haltungen ließen sich wiederbeleben und mitreißende Handlungen nachahmen, und so sprach er nicht nur vom 17. und vom 18. Jahrhundert im Singular, sondern, im Plural, von den siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderten, die sich mehrmals in der Geschichte fanden. Die Fronde und die Vendée waren einmalige Ereignisse, aber zugleich gab es eine ewige Fronde und eine ewige Vendée - das heißt Erfahrungen, die ein jeder für sich machen mußte. Die Geschichte war nicht das Ferne und Vergangene für Sainte-Beuve, sondern sie blieb ein Arsenal von Möglichkeiten, ein Speicher voller Alternativen, den die Gegenwart nutzen konnte. Sainte-Beuve war Realist: die Alten hatten den Kampf gegen die Modernen endgültig verloren."

Sainte-Beuve

Wolf Lepenies:

Auf der Schwelle zur Moderne

Hanser-Verlag, München 1997