Was kümmert das die übrige Welt? Und worum handelt es dabei eigentlich? Kann das, bitte, jemand einmal erklären? Schwer genug, aber solange sich die Welt höchst interessiert das Maul darüber zerreißt, mit der wievielten Frau ein denkbarer Kanzlerkandidat verheiratet ist, lohnt sich ein Blick auf diese Kontroverse allemal, auch für den Atheisten, die Agnostikerin, kurz: auch für die Verächter der Religion, zumindest für die Gebildeten unter ihnen.

Es geht um nichts weniger als um den Versuch einer großen historischen Gegenbewegung. Die römisch-katholische Kirche und der Lutherische Weltbund, Spötter sagen: der große Vatikan in Rom und der kleine Vatikan in Genf, führen seit einiger Zeit Gespräche mit dem Ziel, die Kirchenspaltung des 16.

Jahrhunderts zu mildern. Mit anderen Worten: in der Absicht, die geistesgeschichtliche Explosion der Reformation zu überwinden. Gar zu kassieren?

Aber - und just hier fängt der Streit an - geht das überhaupt, ohne das theologische Denken Martin Luthers zu entschärfen, ohne ihm die Spitze zu nehmen? Und ohne die Identität und das Bekenntnis der lutherischen Kirchen abzuschleifen?

Das von den beiden Verhandlungskommissionen im vergangenen Frühjahr vorgelegte Papier, das als "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" firmiert, führt nun vor allem im deutschen Protestantismus zu heftigem Streit. Die brisanten und notwendigerweise spitzfindigen, weil die Spitze des Problems bezeichnenden Einzelheiten der Debatte sind zwar selbst dem sogenannten einfachen Kirchenvolk schwer zu erläutern. Aber die theologische Frage, um die es im Kern bei der "Rechtfertigungslehre" geht, müßte selbst - ja, gerade erst recht - für den modernen, den (vermeintlich) vollkommen religionslosen Zeitgenossen spannend sein.

Und dazu müssen wir jetzt doch wieder auf Martin Luther selber kommen. Denn seine persönliche Entwicklung, die sich in ihren Sprüngen an fast legendären Erlebnissen anekdotisch veranschaulichen läßt, ist ein einprägsames Symbol für einen epochalen profan- wie kirchengeschichtlichen Ruck und Riß.

Übrigens, wenn man so will, auch für eine höchst moderne existenzphilosophische Radikalität sondergleichen, die bis in den Kirchenkampf der Nazizeit und in das Martyrium eines Dietrich Bonhoeffer hineinreicht.