Am 2. Juli des Jahres 1505 wird Luther, Student noch an der Erfurter Artistenfakultät bei Stotternheim, von einem schrecklichen Gewitter überrascht. Er wirft sich zu Boden, ruft die hl. Anna an, Schutzpatronin der Bergleute (sein Vater arbeitete im Bergbau), und legt ein Gelübde ab: "Ich will ein Mönch werden."

Der Zorn des Vaters, der einen Juristen aus ihm machen wollte, wird ebenso überwunden wie der anfängliche Zweifel über die Bindewirkung eines solchen Gelübdes. Seine gesamte Zeit als Mönch leidet Luther unter "Anfechtungen" und unter der zur Legende gewordenen Frage: "Wie kriege ich einen gnädigen Gott?"

Schon viele psychoanalytisch inspirierte Autoren haben sich, in jeder Hinsicht ferndiagnostisch, an einer Erklärung dieser radikal-bohrenden Frage versucht. Selbst Luthers Vorgesetzte haben bisweilen über diese Selbstzweifel eines um Vollkommenheit ringenden Mönches besorgt den Kopf geschüttelt, ihm auch geraten, es nicht gar zu weit damit zu treiben: Um "Puppensünden" zerbreche er sich Kopf und Seele, sagt ihm sein väterlicher Freund und Förderer Staupitz.

Aber was ist eigentlich, selbst aus heutiger Sicht, verwunderlich an Luthers Frage und ihrer verzweiflungsvollen Unstillbarkeit? Zum Beispiel, wenn man einmal, modern gesprochen, das Problem menschlicher Existenz ohne Verdrängung scharf ins Auge faßt und unverstellt auf sich einwirken läßt, die Frage nach Ursache, Sinn und Folgen, nach Leben und Tod, Verantwortung und Schuld stellt - und dabei nur die bequemen Kurzschlüsse vermeidet, als da wären: die religiöse Vertröstung, der humanistische Optimismus, der nihilistische Zynismus, die narzißtisch-konsumistische Narkose - oder die schlichte Gedankenlosigkeit?

Verwunderlicher als Luthers existentielle Radikalität ist eigentlich das Staunen darüber, und das zumal heute, nach den apokalyptischen Katastrophen dieses Jahrhunderts und nach der in Naturwissenschaften wie Psychoanalyse, in Philosophie wie Literatur verschärften Selbstwahrnehmung und Innenbesichtigung des Menschen.

Luther jedenfalls geht durch alle Höllen und Tröstungen der vielseitigen Frömmigkeitspraxis seiner Zeit - und zuweilen erweisen sich gerade die Tröstungen als wahre Höllen. Selbst - und gerade - die auf die Spitze getriebene "Demutstheologie", eine Haltung, in der Luther wenigstens dadurch Anerkennung bei seinem Gott sucht, daß er in äußerster Demut dessen Urteil über sich selbst als Sünder anerkennt, erweist sich als Falle, als Sackgasse: Woher soll er wissen, ob er jemals demütig genug sein kann?

Die Einsicht, mit der Luther aus all diesen Sackgassen herausfindet, die Einsicht, auf die hernach die lutherischen Kirchen ihr Bekenntnis bauen, überkommt ihn wiederum in einem anekdotisch fixierten Erlebnis - dem "Turmerlebnis" im Wittenberger Augustinerkloster, das von der kirchengeschichtlichen Forschung irgendwann zwischen 1513 und 1519 datiert wird, Luther selber legt es in einem Lebensrückblick auf das Jahr 1518/19. Er saß damals über dem Römerbrief des Apostels Paulus, über dem 17. Vers des 1.