Kapitels, in dem es heißt, die Gerechtigkeit Gottes werde im Evangelium offenbart. Und nun lohnt es sich, Luther selber zu lesen:

"Ich haßte nämlich dieses Wort ,Gerechtigkeit Gottes', weil ich durch den Brauch und die Gewohnheit aller Lehrer unterwiesen war, es philosophisch von der formalen oder aktiven Gerechtigkeit (wie sie es nennen) zu verstehen, nach welcher Gott gerecht ist und die Sünder und Ungerechten straft. Ich konnte den gerechten, die Sünder strafenden Gott nicht lieben, im Gegenteil, ich haßte ihn sogar ... Als ob es noch nicht genug wäre, daß die elenden und durch die Erbsünde ewig verlorenen Sünder durch das Gesetz des Dekalogs mit jeder Art von Unglück beladen sind - mußte denn Gott auch noch durch das Evangelium Jammer auf Jammer häufen und uns auch durch das Evangelium seine Gerechtigkeit und seinen Zorn androhen? ... Da erbarmte sich Gott meiner. Tag und Nacht war ich in tiefe Gedanken versunken, bis ich endlich den Zusammenhang der Worte beachtete: ,Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm (im Evangelium) offenbart, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus dem Glauben.' Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes als eine solche zu verstehen, durch welche der Gerechte als durch Gottes Gabe lebt, nämlich aus dem Glauben ... Da fühlte ich mich wie ganz und gar neu geboren, und durch offene Tore trat ich in das Paradies selbst ein."

Man kann diese im "Turmerlebnis" blitzartig verdichtete Einsicht, gewonnen aus einem Übersetzungsproblem (was heißt "Gerechtigkeit Gottes" an dieser Stelle - strafende Gerechtigkeit oder nicht vielmehr: gerecht machende Zuwendung?), getrost zu den Sternstunden der Menschheit rechnen. Und es nimmt dieser Einsicht nichts von ihrem Rang, wenn Luther in den Tischgesprächen beiläufig mitteilt: "Dise kunst hatt mir der Spiritus Sanctus auf diss Cloaca eingeben." Der Ausscheidungs-Kampf gegen die Anfechtungen des Teufels ist bei Luther durchaus auch mit fäkalen Aussonderungen verbunden, man deute diese ganzheitliche Drastik analytisch, wie man wolle. Wer weiß, ob nicht auch der legendäre antiteuflische Wurf mit dem Tintenfaß nur die bürgerlich bereinigte Version darstellt? So radikal kann, muß sich vielleicht die Verachtung des Versuchers ausdrücken.

Wie dem auch sei: Luther gewinnt eine nicht mehr zurückzuholende Einsicht und tritt durch offene Tore ins Paradies selbst ein.

Just diese Einsicht bringt nun die eigentlich reformatorische Wende hervor, um die gegenwärtig neu gestritten wird. Hat Luther recht, so ist - wiederum modern gesprochen - der Mensch außerstande, seinen eigenen Sinn zu konstituieren, zu setzen, zu schaffen und durch Leben und Tod hindurch zu bewahren. Jeder derartige Versuch wäre fromme Illusion, die in jeder existentiellen Herausforderung platzt. Der Mensch kann diesen Sinn aber folgerichtigerweise auch nicht zerstören. In den vereinfachten Schritten einer Konfirmanden-Theologie ausgedrückt: Wenn die Frage "Wie kriege ich einen gnädigen Gott?" mit der Auskunft beantwortet werden muß: "Nicht durch eigene Verdienste, Anstrengungen, gute Werke, sondern allein durch den Glauben", so kann auch dieser Glaube, also diese Beziehung, kein verdienstvolles Werk, keine menschliche Leistung sein. Das eben ist die Pointe jenes lutherischen theologischen Hauptsatzes namens "Rechtfertigungslehre".

Noch einmal in die zeitgenössische Sprache gewendet, könnte man auch vom Hauptsatz einer durchaus zweischneidigen "Befreiungstheologie" reden: Zum einen wird der Mensch aus dem Leistungsdruck und Erfolgszwang entlassen, sich im Letzten ständig selber zu rechtfertigen, sein Dasein zu legitimieren - vor sich, vor Gott und der Welt er kann vielmehr einfach da sein. Zum anderen aber wird ihm, weniger gemütlich, die Illusion durchstrichen, er könne diese Selbstversicherung - ganz Erfolgsmensch, der er ist oder doch ganz gerne sein will -, wo es ihm denn in den Kram paßt, ganz hübsch alleine erreichen. Eine solche existenztheologisch kritische Sicht sollte keine aktuelle Bedeutung mehr haben? Wenn der Mensch mehr, ja wesentlich etwas anderes ist als die Summe seiner Taten und Untaten (Eberhard Jüngel), dann erst gibt es tatsächlich eine von Menschen nicht anzutastende Menschenwürde. Und die darf, zum einen, der Staat selbst gegenüber einem schwer straffällig gewordenen Menschen nicht verletzen erst recht muß in dieser Sicht die Todesstrafe als menschenwidriger Skandal gelten. Zum anderen aber: Es gibt auch keinen menschlichen Richter, dessen Sprüche vollendete Gerechtigkeit stiften könnten. Und so ließe sich diese Einsicht immer weiter buchstabieren durch die Wirtschaft und die Naturwissenschaft, gegenüber allen Versuchen, menschliche Werte zu beziffern, menschliche Existenzen zu berechnen, zu klonen ...

Zwanghafte Selbstrechtfertigung wie zwanghafte Selbstverwirklichung erfahren hier eine Grenze. Dietrich Bonhoeffer bezeichnete dies als die "Befreiung von der Knechtschaft des selbstgewählten Weges". Zumindest in ihrem kritischen Teil eine Denkfigur keineswegs nur für Kirchgänger.